Erfahrungsbericht – Flugrettung in Osttirol Am Seil und ohne doppelten Boden – Rettung aus der (Berg)Not


 
04.12.15
 

Zwar ist die Bilanz der Bergunfallstatistik des Deutschen Alpenvereins (DAV) in den letzten Jahren – vorsichtig ausgedrückt – eher positiv ausgefallen und die Zahl der tödlich verunglückten Opfer rückläufig, aber dennoch kann es einen Frischluftfan immer und überall erwischen. Sei es aufgrund eines unerwarteten Wetterumschwungs oder weil man sich durch Unachtsamkeit den Fuß verknackst. In den wenigsten Fällen ist ein alpiner Unfall auf puren Leichtsinn oder sogar Selbstüberschätzung zurückzuführen. Viel öfter spielt das Pech eine große Rolle oder es kommt zu einer Verkettung wirklich blöder Zufälle. So waren es im Jahr 2011 insgesamt 7.720 Einsätze, bei denen der Österreichische Bergrettungsdienst (ÖBRD) bundesweit ausrücken musste. Während sich in den deutschen Alpen die Zahl der Personen lediglich auf ganze 1.126 (Stand im Jahr 2013) summierte, die in Unfälle oder Notfälle verwickelt waren. Deutlich weniger, aber dafür hat unser österreichischer Nachbar ja rein flächenmäßig schon weitaus mehr Möglichkeiten für Bergsportler zu bieten, um sich überhaupt in eine solch brenzlige Lage zu bringen.

Auch wir hatten im Jahrhundertsommer 2015 mehr oder weniger das Vergnügen, die österreichischen Bergretter in Anspruch zu nehmen. Nicht weil wir es unbedingt einmal darauf ankommen lassen wollten. Vielmehr lag es an eben jener Verstrickung verschiedenster Faktoren, die in unserem Fall zum Glück ohne Folgen bleiben sollten. Doch was geht in einem Menschen vor, der sich in einer steilen Felsflanke verstiegen hat und sich ab einem gewissen Punkt die Frage stellen muss, ob er nun die Bergrettung rufen soll oder nicht? Eines vorweg: Lieber greift man früher als zu spät zum Handy und setzt einen Notruf ab, anstatt den großen Helden zu spielen. Denn am Ende zählen weniger die heroischen Taten als vielmehr die eigene Gesundheit und das eigene Leben.

Bergrettung, die erste – ein Erfahrungsbericht:

Ich war Anfang Oktober gerade auf einer 10-tägigen Hüttentour in den Osttiroler Alpen auf dem letzten Teilstück des Adlerwegs unterwegs. Gestartet war ich in Hinterbichl, um von dort aus die erste Etappe gemeinsam mit einem Ranger des Nationalparks Hohe Tauern bis zur Johannishütte zu bewältigen. Das Wetter war für die Jahreszeit erstaunlich kühl und der erste Neuschnee kündigte sich bereits an. Gerade in den höheren Lagen ein nicht zu unterschätzender Risikofaktor, wenn man ohne Steigeisen unterwegs ist. Bei der Frage nach dem geeigneten Schuhwerk zeigte Emanuel Egger noch am Parkplatz direkt auf die schweren steigeisenfesten Bergstiefel von LaSportiva, die im Kofferraum lagen und mit denen ich „auch mal ein paar Stufen in gefrorene Schneefelder hacken könne“. Damit war ich mental schon einmal bestens darauf vorbereitet, was mich auf den anstehenden neun Etappen des anspruchsvollen Höhenwegs noch so erwarten sollte. Dass ich aber bereits auf dem dritten Teilstück in eine überaus unangenehme Situation geraten sollte, hätte ich mir zu diesem Zeitpunkt selbst in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt.

Testbericht La Sportiva Nepal Evo GTX: Füße hoch mal anders  - im Einsatz auf dem Adlerweg (© airfreshing.com)

Ich neige generell nicht zu besonders risikofreudigen Aktionen und klettere eher selten bis gar nicht in hochalpinem Gelände oberhalb des 2. Grades herum, frei nach dem Motto: Soweit die Füße und Hände mich sicher tragen. Dennoch wollte ich mir den ein oder anderen Gipfel abseits des „Mainstreams“ nicht entgehen lassen und mir so ein etwas anderes Bild vom Adlerweg verschaffen. Auf Empfehlung des Rangers hin war auch der Hohe Eichham (3.371 Meter) darunter, sofern es die Bedingungen zulassen und ich mir eine II-III’er Kletterei überhaupt zutrauen würde. Und wie es das Schicksal nun einmal so wollte, nahm ich den „Umweg“ über die Bonn-Matreier-Hütte nicht in Kauf und folgte dem Tipp des Wirts von der Eissee-Hütte, doch direkt über die Eichhamscharte aufzusteigen. Quasi eine Abkürzung über den Bergkamm. Er ist selbst Mitglied der Bergrettung und muss es also wissen. Doch was im Sommer kein Problem darstellt, entpuppt sich in der Übergangszeit unter gegebenen Voraussetzungen als tückische Falle. Denn zuvor weiches Sediment wird plötzlich knüppelhart und paart sich mit zu Eisflächen gefrorenen Schneefeldern. Ein direkter Durchstieg auf der kaum sichtbaren und wenig begangenen Route wird dadurch zum reinsten Glücksspiel – erst recht, wenn nachts die Temperaturen in den Keller stürzen.

Volles Risiko weitersteigen oder doch lieber den Helden spielen?

Nach oben geht es ja sowieso immer leichter als nach unten. Diese Erfahrung bestätigte sich auch auf dem Weg hinauf zur Scharte. Das verharschte Schneefeld hinaufzustapfen, stellte anfangs noch kein Problem dar. Das ganze aber wieder abzuklettern, weil es nach oben hin immer steiler wird und die gefrorenen Sedimentabschnitte mit bloßer Sohle kaum Halt bieten, schier unmöglich. Das ein oder andere Mal kam Panik auf, wenn die Schuhe abrutschten oder der Fels in den Händen förmlich zerbröselte. Ok, dann halt nicht auf direktem Wege. Am besten nach rechts Ausweichen und sich dann über die einzelnen Schneeflanken nach oben arbeiten, um schließlich wieder in die ursprüngliche Route zurückzuqueren. Gesagt getan, und plötzlich war Schluss. Ein unüberwindbarer Vorsprung versperrte mir den weiteren Weg nach oben. Auf einem schneebedeckten Felsband angekommen, ging schließlich nichts mehr vor und nichts mehr zurück. Was nun?

Erfahrungsbericht - Flugrettung in Osttirol: Die Eichhamscharte kann in der Übergangszeit schnell zur tückischen Falle werden - mit dem Pfeil markiert ist die Stelle, wohin sich Veit vom aF-Team sich verstiegen hatte. (© airFreshing.com / Horst Wohlgemuth)

Mein schwer beladener Rucksack verhinderte jegliche Kletterambitionen. Absteigen? Fehlanzeige! Nur ein falscher Schritt und ich würde meterweit nach unten stürzen. Zwar ist die Flanke nicht so steil, dass ich im freien Fall hunderte Meter nach unten fallen könnte. Aber wenn ich einmal unkontrolliert ins Rutschen gerate, dann sorgen Fels und Eis garantiert für ziemlich böse Verletzungen. Wieder und wieder prüfte ich also meinen kleinen Standplatz hinsichtlich der sich mir bietenden Sicherheit und einem möglichen Weiterkommen. Kann mich die Schneedecke lang genug tragen? Was, wenn der eisige Untergrund plötzlich abbricht und mich mit in die Tiefe reißt? Denn hier geht es definitiv nicht weiter. So wurde es Zeit für den lange aufgeschobenen Anruf bei der Bergrettung. Ich legte all meinen Stolz beiseite und musste mir eingestehen, dass ich es aus eigener Kraft nicht mehr in sicheres Gelände schaffen würde. Außer ich hätte definitiv im Krankenhaus landen wollen. Kurz noch einmal innegehalten und schon war der internationale Notrufnummer 112 gewählt. Eine beruhigende Stimme meldete sich und ließ mich mein Problem schildern. Man würde mich zurückrufen, ich solle das Handy bloß nicht abschalten.

Bergrettung als spezieller „Service“ für wagemutige Touristen

Nach einem kurzen Moment meldete sich die Rettungsleitstelle in Lienz. Ein gutgelaunter Osttiroler fragte nach meinem Befinden, versuchte mich zu beruhigen und erkundigte sich danach, wo ich mich aktuell befinden würde. Gebetsmühlenartig wiederholte ich die Fakten: Ich bin weder verletzt, noch in akuter Bergnot und übrigens über den DAV versichert. Daraufhin wurde nur erwidert, dass eine „Bergrettung per Heli in Österreich in den meisten Fällen ohne Folgekosten vonstatten geht und quasi eine Art Touristen-Service darstellt“, man einen Missbrauch aber tunlichst unterlassen sollte – sonst könne es ziemlich teuer werden. So geschehen mit einer Gruppe aus den Niederlanden, die ins Hüttenbuch „und runter geht’s mit dem Heli“ geschrieben hatte, was im Nachhinein natürlich herauskommen sollte und die Rettung doch noch aus eigener Tasche bezahlt werden musste. Man würde mir also einen Hubschrauber schicken, der mich aus der Wand holt. Hauptsache ich bleibe an Ort und Stelle. Ab diesem Moment hieß es warten. Zum Glück schien die Sonne, denn ansonsten hätte es ziemlich unangenehm werden können. Eingemummelt in eine in eine dicke Daunenjacke und mit einer Rettungsdecke um die Beine geschlungen versuchte ich mich also auf das nun Kommende vorzubereiten. Nach fast zwei Stunden wurde ich dann doch langsam unruhig, weil dicke Quellwolken aus dem Tal emporkrochen. Endlich vernahm ich das flappende Geräusch von Rotoren, die sich durch die Luft nach oben gruben. Und plötzlich kreiselte ein Helikopter vor mir auf und ab, aus dem heraus ein Crewmitglied Fotos von mir schoss und sich einen Überblick über die Lage vor Ort verschaffte. Dann drehte er wieder ab und flog davon.

Erfahrungsbericht - Flugrettung in Osttirol: So sieht ein Bergsteiger aus, dem ein wenig das herz in die Hose gerutscht ist.  (© airFreshing.com)

Wie jetzt? Ihr wollt mich doch nicht etwa hier stehen lassen! Stecke ich etwa doch an einem Punkt in der Wand fest, die eine Rettung via Seilwinde unmöglich macht? Allmählich wurde ich nervös. Nach bangen Minuten kam der Heli wieder um die Ecke gebogen, eine Person im Schlepptau an der Longline. Langsam bewegte sich das Gespann auf mich zu. Währenddessen verstaute ich meinen Rucksack hinter mir und bereitete mich auf meine Rettung vor. Mit breiten Armen nahm ich Flight-Operator Horst Wohlgemuth in Empfang, der am Bergeseil hängend auf mich zu gesegelt kam. Sein Kollege, Pilot Stefan Pichler von der Flugeinsatzstelle Klagenfurt musste dafür absolute Präzisionsarbeit leisten. Dann ging alles ganz schnell: Mir wurde eine Art „Rettungswindel“ um den Unterkörper gelegt und mitsamt Rucksack per Karabiner eingehängt. Durch eiskalte Luft schwebend donnerten wir entlang meiner Route zurück zum Startpunkt meiner Tagesetappe. Auf dem Weg sehe ich noch einmal, in welcher Lage ich mich befand und wie nah am Ausstieg ich aufgeben musste. Nachdem wir auf dem Landeplatz vor der Hütte abgesetzt wurden, kamen mir der Hüttenwirt wie auch seine sichtlich aufgelöste Aushilfe entgegen gelaufen. Sie hatten mich anhand meiner gelben Wanderhose schon von weitem sofort erkannt. Wiedersehensfreude sieht eigentlich anders aus und es ist dann wohl doch eher Erleichterung. Alles noch einmal gut gegangen.

Mit der Libelle zurück zur gemütlichen Berghütte

Natürlich folgte auf den Schrecken erst einmal ein Schnaps. Die beiden sympathischen Flugpolizisten beließen es allerdings bei einem Kaffee und nahmen meine Daten auf. Schließlich waren die Beiden ja im Dienst. Auf meine Frage hin, wieso denn eigentlich die Alpinpolizei die Rettung übernommen hat und nicht wie erwartet die Bergrettung und warum es denn generell so lange gedauert habe, gibt mir Horst Wohlgemuth vom Bezirkspolizeikommando Spittal/Drau in Kärnten eine simple, aber einleuchtende Antwort. Aufgrund der gesetzlichen Lage (Sicherheitspolizeigesetz – § 19 Erste Allgemeine Hilfeleistungspflicht) ist die Polizei in Österreich dazu verpflichtet, entsprechende Maßnahmen zur Rettung einer in Bergnot geratenen Person zu ergreifen. Die Bergung von Unverletzten bzw. tödlich verunglückten Personen fällt in Österreich demnach generell in den Zuständigkeitsbereich der Flugpolizei. Deshalb rückte in meinem Fall auch die „Libelle“ der Flugeinsatzstelle Klagenfurt aus, die gut zwei Autostunden von Lienz entfernt ist. Wäre eine Bergung per Hubschrauber unmöglich gewesen, hätten stattdessen die Bergretter losziehen müssen.

Erfahrungsbericht - Flugrettung in Osttirol: Die Libelle der Alpinpolizei Flugeinsatzstelle Klagenfurt auf dem Hubschrauberlandeplatz vor der Eisseehütte (© airFreshing.com)

Mehrfach versuchte ich meine Lage gegenüber den beiden Beamten zu erläutern und entschuldigte mich immer wieder aufs Neue. Doch Beide schmunzelten nur und versicherten mir, dass ihnen solch ein Einsatz tausend Mal lieber sei, als einen Schwerverletzten versorgen oder gar einen Toten bergen zu müssen. Demnach hatte ich alles richtig gemacht, anstatt den Helden zu spielen. Denn viele Unfälle wären vermutlich vermeidbar, würden die Bergsportler über ihren eigenen Schatten springen und die Bergrettung rufen. Dafür sei sie ja schließlich auch da. Nunja, immerhin habe ich so „für ein wenig Abwechslung gesorgt“ und konnte als eine Art Übungseinsatz zur nötigen Routine beitragen. Nachdem alle bürokratischen Dinge erledigt waren, wurden anschließend noch die Kontaktdaten ausgetauscht. Schließlich muss dieses Erlebnis ja irgendwie festgehalten werden. Besonders beeindruckend war aber die Reaktion, nachdem die Alpinpolizisten sich wieder in die Lüfte erhoben hatten. Denn kurz darauf bekam ich nicht nur eine überaus freundliche E-Mail vom Flight-Operator mitsamt der von mir geschossenen Fotos aus der Felswand, sondern ebenso einen Anruf aus der Rettungsleitstelle in Lienz, weil sich der dort zuständige Beamte nochmals nach meinem aktuellen Befinden erkundigen wollte und ob die Bergung erfolgreich gewesen wäre. Die Osttiroler sind einfach ein wirklich duftes und vor allem überaus freundliches Völkchen.

Mehr Infos zur Berg- und Flugrettung in Österreich gibt’s hier.

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