Erfahrungsbericht – Snow & Safety Conference 2014 Ein Rückblick auf wenig Snow und viel Safety in Lech-Zürs


 
11.01.15
 

Jetzt krachts! PowPowPowPowPow! Nordweststau in den Alpen und der heiß ersehnte Stoff der Träume fiel in Massen vom Himmel – Halleluhja! Doch gerade jetzt ist die Sicherheit das Gebot der Stunde – klingt langweilig und uncool, ist aber leider verdammt wichtig.

Wir durften bei der mittlerweile dritten Snow & Safety Conference in Lech-Zürs am Arlberg dabei sein, die vom 05. bis 07. Dezember 2014 stattfand. Dabei lag die Betonung in diesem Jahr eher auf dem Thema „Safety“ und über „Snow“ wurde stattdessen mehr geredet, als das überhaupt welcher zu sehen war. Will sagen, die Hänge waren noch grün und lediglich auf dem Grat etwas überzuckert, weshalb die Veranstaltung diesmal etwas mehr wort- anstatt tatenlastig ausfiel. Das übliche Freeriding-Programm mit Stars wie Lorraine Huber oder Nadine Wallner fiel daher diesmal leider komplett aus. Dennoch war das Interesse enorm groß, was auch die Anwesenheitszahlen während der Vorträge und Diskussionsrunden belegten. Wir berichten von den dabei besprochenen Schwerpunkten und geben einen Überblick über die neuesten Erkenntnisse auf dem Gebiet der Schnee- und Lawinenkunde.

Mehr Sicherheit für den Skitourismus abseits der Piste

Neben lebendigen Diskussionsrunden und interessanten Fachbeiträgen unterschiedlicher Lawinenwarndienstmitarbeiter wie bspw. Patrick Nairz (Lawinenwarndienst Tirol) konnten auch die aktuellen Airbag-Systeme (derer gibt es mittlerweile vier: ABS, BCA, Alpride und Jetforce) in Augenschein genommen werden. Relativ emotional diskutiert wurde der Ford-Werbespot (siehe rechts), in dem der Freeskier Aymar Navarro in den Pyrenäen ein massives Schneebrett lostritt und dank ABS-Rucksack die vermeintlich gefährliche Situation scheinbar spielend meistert. Michael Larcher referierte zudem über die Risikoabwägung per „STOP or GO – Methode“, während Stefan Häusl und Björn Heregger persönliche Entscheidungsstrategien präsentierten und Andreas Ermacora über die Aufarbeitung von Lawinenunglücken vor Gericht berichtete. Darüber hinaus waren „Gruppendynamik“, „Skitourismus Offpiste – Gratwanderung zwischen Vergnügen und Verantwortung“ und „Pulverrausch- Höhenflug, Absturz oder Verrücktheit“ weitere Themen, die besprochen wurden.

Safety First – Freeriden in Zeiten des Klimawandels

Unser Alltag ist geprägt durch immer mehr Sicherheitsdenken und Gefahrenparanoia, während wir nach getaner Arbeit zugleich teilweise bestrebt sind, uns in extreme Situationen zu begeben, die sich abseits der gesicherten Zivilisationspfade abspielen. Ein klassisches Paradoxon, in dem sich der „Homo-Outdooriensis“ bewegt. Angestachelt von der Aussicht auf den ersten Schnee, den ersten viral im Netz verbreiteten Powdervideos und den sublim gespeicherten Werbebotschaften der Freerideindustrie scharren Mann und Frau gleichermaßen landauf landab mit den Ski-Boots. „Ab ins Backcountry“ hallt es dann überall aus den urbanen Häuserschluchten, als gäbe es kein morgen mehr.

Die derzeitigen Klimaveränderungen tragen dabei leider nicht gerade zu stabileren Schneeverhältnissen bei. Vielmehr produziert das momentane „GaGa-Wetter“ eine unter enormen Stress entstandene Schneedecke. Gerade deshalb muß sich jeder, der im Backcountry verantwortungsvoll freeriden will, mit den aktuellen Verhältnissen vor Ort auseinandersetzen. Und weil alle Faustregeln im Zusammenhang mit Lawinen leider nur teilweise greifen und immer nur von Risikominimierung die Rede sein kann (O-Ton eines Referenten), haben wir ein paar Gedanken und Reminder aus den Vorträgen zusammengetragen, die stichpunktartig dabei helfen sollen, das allgemeine Bewußstsein für die Gefahren auf Vordermann zu bringen und sicher durch die Wintersaison 2014/15 zu kommen. Übrigens: Nach längeren Schlechtwetterperioden, also sogenannten „Big dumps“, sollte man am ersten schönen Tag danach lieber einen Gang zurückschalten – auch wenn’s wirklich schwer fällt!

CHECK 1 – Tools zur Beurteilung der aktuellen Verhältnisse?

Der erste Schritt in punkto Safety sollte immer der Lawinenlagebericht der jeweiligen Region sein. Der Arlberger Skiverbund bspw. beschäftigt allein mehr als 40 „Lawinenspoter“, die während der laufenden Saison jeden Tag am Berg unterwegs sind. Die dabei unterwegs gesammelten Infos und das Wissen der erfahrenen Profis sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Übrigens: Die europäische europäische Lawinengefahrenskala wurde jüngst überarbeitet und durch schneller zu erfassende Icons erweitert. Zur besseren Beurteilung der allgemeinen Situation vor Ort und die Identifikation von Lawinengefahren können auch die relativ bekannten 10 Gefahrenmuster zu Rate gezogen werden, die bei fast allen Lawinenunglücken ausschlaggebend sind und welche von den Tiroler Bergführern Rudi Mair und Patrick Nairz zu einem wertvollen Beurteilungssystem verfeinert wurden. Auch ein Buch zum Thema gibt es mittlerweile und kann unter dem Titel „Lawine“ überall im Netz und im Buchhandel erworben werden.

10 Gefahrenmuster zur Identifikation von Lawinengefahren:

  1. Bodennahe Schwachschicht vom Frühwinter
  2. Gleitschnee
  3. Regen
  4. Kalt auf warm / warm auf kalt
  5. Schnee nach längerer Kälteperiode
  6. Kalter, lockerer Neuschnee und Wind
  7. Schneearme Bereiche in schneereicher Umgebung
  8. eingeschneiter Oberflächenreif
  9. eingeschneiter Graupel
  10. Frühjahrssituation

Als gute, weil sehr detailiert aufbereitete Website zum Thema Wetter und Schneeverhältnisse möchten wir in diesem Zusammenhang auch unbedingt auf den  Lawinenwarndienst Tirol hinweisen. Wer die aktuellen Lawinenlageberichte samt Gefahrenstufen und Hangexponierungen sowie einen Hangneigungsmesser lieber kompakt in der Hand halten möchte, kann auch auf die umfangreiche Snowsafe-App zurückgreifen. Sie führt in Zusammenarbeit mit den Lawinenwarndiensten ganz Österreichs sämtliche Lawinen-Bulletins in einer Android- und iOS-App zusammen. Und wer sich ein noch detailierteres Bild der Lage vor Ort machen will, kann auch alle Erkenntnisse der Lawinenwarner, die Schneeprofile sowie die aktuellen Lawinenabgänge einfach online abrufen. Das „Big Picture“ bzw. einen Überblick wirklich ALLER europäischen Lawinenwarndienste findet sich zudem auf der Website: avalanches.org

CHECK 2 – mit der richtigen Strategie sicher durchs Gelände

Eine sicherlich empfehlenswerte Entscheidungsmethode, die gerade für noch unerfahrene Tourengeher geeignet ist, bietet das vom OeAV entwickelte STOP or Go – System. Diese Methode gibt dem Backcountry-Fan nicht nur ein leicht verständliches Tool an die Hand, sondern leitet ihn obendrein auch Schritt für Schritt durch die entsprechenden Stationen. Die multiplen und sich teils wiedersprechenden Informationen für eine geplante Tour werden hier anschaulich aufbereitet und behandelt, damit der Tiefschneefan sie möglichst einfach in einen logischen Zusammenhang bringen kann.

Generell gilt: Man sollte immer hinterfragen, was man zu wissen meint. Wald bspw. ist nicht ad hoc immer auch sicher. Gerade zwischen Bäumen können Schwachstellen im Aufbau der Schneedecke entstehen, die eine erhebliche Gefahrenquelle darstellen. So schilderte Patrick Nairz u.a. einen Fall, bei dem ein Skifahrer in einer kleinen Senke verschüttet wurde, an der zwei Bachläufe aufeinander trafen. Dabei erstickte der betroffene Wintersportler nicht etwa im Schnee, sondern ertrank! Das in diesem Zusammenhang präsentierte Foto des Unfallortes machte deutlich, dass man an dieser Stelle wohl NIE erwartet hätte, dass sich dort eine solch gravierende „Geländefalle“ verbergen würde. Was soll damit ausgesagt werden? Man sollte immer wachsam bleiben, jederzeit auf der Hut sein und niemals arrogant durchs Gelände ballern. Ganz einfach eigentlich. Hierzu noch eine interessante Randnotiz: Das typische Lawinenopfer ist der erfahrene, männliche Tourengeher um die Vierzig und nicht der radikale, zwanzigjährige Rookie.

CHECK 3 – Vorbereitungstipps für die neue Wintersportsaison

Test des Lawinenairbags am Anfang der Saison und vor jeder Tour, eine Kartuschenfüllung sollte einem das eigene Leben doch schon wert sein!

LVS-Test vor jeder Tour ins Backcountry, Batteriestand und generelle Funktionen überprüfen!

LVS-Suche üben, indem einfach ein Rucksack mit einem weiterem LVS-Gerät im Tiefschnee vergraben und dann gesucht wird!

Gegenseitiger LVS-Check am Startpunkt der Tour ins Backcountry, sind alle Geräte eingeschaltet, verfügen über ausreichend Saft und funktionieren tadellos?

Die wichtigsten Verhaltensweisen und Regeln immer wieder vor Augen führen und durch ständiges Üben weiter verinnerlichen!

Verhältnisse vorab im Netz oder per App checken und mit der aktuellen Situation vor Ort gegenprüfen, denn jedes Gelände birgt seine eigenen Gefahren!

CHECK 4 – Buchtipp für alle Freerider & Backcountry-Fans

Das bereits bei uns besprochene und im Tyrolia-Verlag erschienene Standardwerk „PowderGuide Free Ski“ bündelt übersichtlich und leicht verständlich alles Wissenswerte zum Thema Schnee- und Lawinenkunde – sauber aufbereitet und ansprechend umgesetzt in einer umfangreichen „Freeride-Bibel“. Ergänzt wird das ganze noch durch die Website der Kollegen von PowderGuide, auf der sich viele weiterführende und interessante Artikel rund um das Thema Lawine finden. Und jetzt heißt es: Ab ins Powderweekend.

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