Fitz Roy - Erstbegehung 'mar de suenos': Michi Lerjen und Jorge Ackermann in Patagonien

Erstbegehung am Fitz Roy – ‚mar de suenos‘ Expeditionsbericht von Michi Lerjen und seinem Partner Jorge Ackermann


 
19.07.13
 

Dem Schweizer Extremkletterer und Bergführer Michi Lerjen und seinem Partner Jorge Ackermann gelang im vergangenen Winter die Erstbegehung einer neuen Route an der Ost Wand des Fitz Roy in Patagonien. Der Route, die zu den schwersten in Patagonien zählt, gaben sie den Namen „mar de suenos“ (Meer der Träume).
 
Rechts in der Sidebar findet ihr das Video von der Expedition und hier nochmal die Infos im Überblick:
 

  • • Die Route wurde im Alpin Stil geklettert. Trotz mehrerer Versuche ist kein Haken oder Stopper bei den früheren Versuchen zurück gelassen worden. Jeder Versuch fand von neuem statt und bot die gleichen Bedingungen wie das erste Mal.
  • • Kein einziger Bohrhaken wurde gesetzt
  • • Die Route wurde abwechselnd geführt
  • • Länge: ca. 1200 Meter (evtl. etwas länger), 34 Seillängen
  • • Schwierigkeiten: 7a, A3, M4 Runnout
  • • Zeitraum für die Route: 14.-17. November 2012
  • • Team: Jorge Ackermann, Bariloche, Argentinien, Michi Lerjen, Zermatt, Schweiz

Expeditionsbericht von Michi Lerjen:

Im Leben gibt es nur wenige Momente, in denen alles stimmt, in denen du alles geben kannst und alles auf deiner Seite ist, in denen du großes Leisten kannst und deinen Traum erfüllst! Mit dieser Route ist uns dies gelungen! Wir haben alles gegeben und ein bisschen mehr, haben versucht und sind gescheitert, haben gelernt und sind weitergekommen, haben aber dabei nie unsere Ethik vergessen!
 
Wir haben unsere Angst überwunden und an uns geglaubt, haben als Team harmoniert und uns geholfen, haben gekämpft und gelacht, gefroren und geschwitzt! Haben den Sommer und Winter erlebt, habe jede freie Minute in diese Linie gesteckt! Un mar de suenos – ein Meer der Träume – ein perfekter Name für einen großen Traum, welcher in Erfüllung ging. Ein Meer aus Fels, in dem wir unseren Weg fanden und ein Traum, der uns vorantrieb!
 
Als wir auf dem Gipfel standen und uns die Tränen liefen, standen keine Zuschauer auf, keine Kamera war da, nur unser Team – 2 Jungs, die alles gegeben haben! Doch auch hier unterscheidet sich unser Sport doch so sehr von anderen, denn auch hier bleibt keine Zeit zum Genießen, denn es ist erst der halbe Weg, der halbe Erfolg, nur ein Moment, der sofort der Konzentration Platz macht! Der Abstieg führte über eine nie wiederholte Route, kostete erneut Energie. Und wenn du nach 24 Stunden am Stück endlich unten angekommen bist, geht der nächste Gedanke schon in Richtung Material packen und Absteigen. Ist auch dies geschafft, läufst du noch 4 Stunden raus und dann endlich bist du zurück in der Zivilisation, doch du bist zu müde zum Feiern, denn du bist seit 36 Stunden unterwegs!
 
Und doch ist es genau das was den Alpinismus so einzigartig macht, so faszinierend, so unglaublich ehrlich! Dies alles sei vorab gesagt, denn es gehört genauso dazu wie die Schwierigkeiten, welche die Tour bietet!
 
Als wir unseren Trip in diese Wand unternahmen, wussten wir, dass es der letzte sein würde und leider fing das Ganze nicht so toll an! Wir erreichten den Passo Superior, dort hatten wir unsere Seile im Winter deponiert, doch leider waren diese verschwunden, dazu der Hammer und die dringend benötigten Haken. Und auch die Route war weiß wie Schnee, so wich die Motivation einer Verzweiflung und wir stiegen ab! Schon mit dem Gedanken spielend, dass wir das nun sein lassen würden, rissen wir uns ein letztes Mal zusammen!
 
Am Dienstag den 13. November machten wir uns auf den Weg zum Superior, unsere letzte Chance für dieses Jahr und wenn es diesmal nicht klapp würde, so sollte es einfach nicht sein! Wir erreichten erneut den Superior und schliefen den halben Tag, wir waren ruhig und gefasst, jeder mit seinen Gedanken! Als am 14.November der Wecker um 3.00 Uhr los ging, ging alles leicht, wir konnten den unteren Teil trotz schwieriger Stellen zügig hinter uns bringen und waren eine halbe Stunde früher am Einstieg der schweren Längen als geplant! Das Momentum war auf unserer Seite und alles lief wie von alleine. Die Schwierigkeiten waren hoch, doch diesmal lief es und wir erreichten das Ledge of Hope nach 12 Stunden Kletterei. Der Unterschied zum Winter war enorm und wir konnten auch mal ein paar Züge frei klettern! Es sei dazu gesagt, dass es geschneit und gewindet hat, kein anderes Team ist an dem Tag geklettert und an keiner anderen Route wäre es möglich gewesen. Der Wind blies mit über 100 Kilometer die Stunde über unseren Köpfen, doch bei uns war es zwar kalt, aber windstill! Auf dem schmalen Ledge richteten wir uns ein und schliefen halb im Klettergurt hängend um 10 ein.
 
Am 15. November ging es erneut früh los und wir starteten um 8.00 Uhr in den Tag, von nun an hieß es neues Land zu betreten und es war alles andere als leicht! Durch schwieriges Aiden und einen Pendel konnten wir uns mühsam weiter hocharbeiten und siehe da, obwohl es sehr sehr steil blieb kamen wir nun besser voran. Um 10.00 erreichten wir unser zweites Biwak und als wir um 01.00 Uhr einschliefen, lag ein Hauch von Euphorie in der Luft! Doch wir wussten auch, dass es ein langer Weg hoch war und ein noch längerer runter. Und die Wetteraussichten für den 17. November waren nicht top.
 
So starteten wir am dritten Tag, dem 16. November, bereits um 6 Uhr. Das Gelände legte sich ein bisschen und wir konnten rasch Meter machen, nach einigen Seillängen fanden wir die Ferrari Route und sie schien der einzige logische Weg. Genau hier machten wir unseren einzigen Fehler, wir unterschätzen die letzten Meter! Wir ließen alles zurück und entschieden uns über die Ferrari Route abzuseilen, wohl wissend, dass diese Route keine Wiederholung hat! So stiegen wir mit dem Minimum an Material los, doch wie sich herausstellte waren die nächsten Längen alles andere als leicht. Die einzigen 6 Längen in der ganzen Route, die je zuvor ein Mensch geklettert hatte und nie wiederholt wurden, forderten nochmal alles von uns! In der 6. Länge zog die Ferrari nach rechts weiter und wir nahmen das Risiko in Kauf über dünnes Eis und einige heikle Mix Passagen links unsere Route fortzusetzten, und dies wurde belohnt. Am 16. November 2012 um 17.30 standen Lerjen Michale und Jorge Ackermann auf dem Gipfel des Fitz Roy. Nach kurzer Rast ging es direkt ans Abseilen! Die Ferrari ist das komplette Gegenteil unserer Route, überall waren alte Seile, Haken etc. zu finden, doch wir wollen nicht klagen, denn so konnten wir uns zumindest orientieren! Jeder Stand wurde von uns eigenhändig angebracht, dazu nutzten wir alte Seile und Haken, um nach 40 Mal Abseilen den sicheren Boden zu erreichen! Die Zeit verging wie im Flug und so erreichten wir nach genau 24 Stunden am 17. November um 6.00 Uhr unsere Stöcke am Einstieg!
 
Wir hatten 28 neue Seillängen geklettert, bei 6 Längen die erste Wiederholung gemacht, waren das erste Team, welches eine neue Route an der Ostseite des Fitz Roy im reinen Alpin Stil geklettert ist, ohne einen einzigen Bohrhaken zu setzten! Wir hinterließen unseren Traum! Eine Route, in welcher im unteren Teil 8 Stände mit Stoppern zu finden sind und im oberen Teil 3 Stopper für die Pendelquergänge! Wir hinterließen keine Spuren und das war unser Ziel, eine Route im puren Stil, sauber und schön!
 
Zurück im Superior packten wir unser Zeug und erreichten nach 32 Stunden Chalten!!!!
 
Quelle: adidas

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