Interview – Alix von Melle & Luis Stitzinger Wenn aus Liebe die stärkste Seilschaft am Berg wird


 
07.07.14
 

Alix von Melle und Luis Stitzinger sind eines der bekanntesten und erfolgreichsten Bergsteigerpaare der Welt. Mit insgesamt sechs bezwungenen Achttausendern ist Alix zudem die derzeit erfolgreichste deutsche Höhenbergsteigerin. Dem steht Luis in nichts nach. Als Expeditionsleiter u.a. für den DAV Summit Club  hat er bereits zahlreiche Acht- und Siebentausender bestiegen, darunter der Cho Oyu, Gasherbrum II und der Nanga Parbat. Er ist neben Benedikt Böhm und Basti Haag einer der weltweit stärksten Extremskifahrer und hat sich in den vergangenen Jahren vor allem durch seine spektakulären Abfahrten an diversen 8.000ern einen Namen gemacht. Am Berg sind Alix und Luis ein eingespieltes Team – privat sind sie seit 1998 ein Paar und mittlerweile seit drei Jahren verheiratet.

Während dem gebürtigen Allgäuer die Liebe zu den Bergen gewissermaßen in die Wiege gelegt wurde – sein Vater ist der erfolgreiche Bergführer Volkmar „Burschi“ Stitzinger – gelangte Alix erst über Umwege zum Höhenbergsteigen. Als waschechtes Nordlicht lernte sie in den Winterurlauben in Österreich das Skifahren und wurde zur passionierten Freeriderin. Für ihr Studium zog sie dann mit Anfang 20 nach München wo sie ihre Leidenschaft für das Klettern und das Skitourengehen  entdeckte. 1996 traf sie beim Hochschulsport erstmals auf Luis, der sie dann für das alpine Höhenbergsteigen begeisterte. Zehn Jahre später stand Alix dann gemeinsam mit ihm auf dem Gipfel ihres ersten Achttausenders – dem Gasherbrum II.

Beim diesjährigen ISPO Award durfte ich die Extrembergsteigerin persönlich kennenlernen. Da wir die einzigen Frauen in der Outdoor-Jury waren, kamen wir naturgemäß schnell ins Gespräch. Beigeistert berichtete die sympathische Frohnatur dabei von ihrem nächsten Vorhaben: die Besteigung des Makalu. 2010 hatten es Alix und Luis schon einmal versucht, den 8.485m hohen Berg östlich des Mount Everest zu besteigen. Damals mussten sie nur rund 400m unterhalb des Gipfels aufgrund extremer Kälte umkehren. Diesmal sollte es endlich klappen mit der Besteigung des fünfhöchsten Bergs der Erde, der sie in den letzten Jahren nicht mehr losgelassen hatte. Voller Zuversicht machten sich die Beiden im April 2014 auf den Weg zu ihrem erneuten Versuch am „Schwarzen Berg“. Doch auch diesmal sollte ihnen der Gipfelerfolg verwehrt bleiben. Am 25. Mai mussten sie ihre Expedition abbrechen. Alix hatte sich ein lebensbedrohliches Lungenödem und eine Lungenentzündung zugezogen. Nur der sofortige Abstieg konnte ihr Leben retten.

Interview mit Alix von Melle & Luis Stitzinger:

Seit einigen Wochen ist das Bergsteigerpaar wieder in Deutschland. Wir haben uns mit den Beiden über ihre Erlebnisse am Makalu, die Liebe für das Bergsteigen und ihre Pläne sowie Wünsche für die Zukunft unterhalten.

Liebe Alix, die wichtigste Frage zuerst: Wie geht es dir? Bist du wieder vollständig genesen oder hast du noch mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen?

Mir geht es schon viel besser, jetzt bin ich auch endlich mit dem Einnehmen der Medikamente (Antibiotikum und Kortison) fertig. Aber ich bin natürlich noch nicht wieder richtig fit. Ich fange erst ganz langsam an, wieder Sport zu treiben. Ich lasse mir aber auch bewusst Zeit, mich zu erholen.

Die Besteigung des Makalu war euer großer Traum. 2010 musstet ihr schon einmal abbrechen. Wann war für euch klar: Auch dieses Mal klappt es einfach nicht?

Bei unserem Versuch am 25. Mai waren wir noch sehr zuversichtlich den Gipfel erreichen zu können, auch wenn die Verhältnisse nicht die allerbesten waren. Bei unserem Aufbruch um Mitternacht wehte noch ein frischer Wind (Böen mit ca. 60 km/h) und es war sehr kalt (ca. -35 Grad). Als wir den großen Hängegletscher in der Gipfelwand auf knapp 8000 Meter Höhe erreicht hatten, fühlte sich Alix immer schwächer und bekam kaum mehr Luft. Schon die gesamte Expedition hatte sie der Höhen-Reizhusten geplagt, doch dies war etwas anderes. Aufgrund der Symptome vermuteten wir ein Höhenlungenödem. Damit war die Entscheidung von einem Augenblick zum anderen getroffen: Wir mussten absteigen und sehen, dass wir Alix in Sicherheit bringen.

Gehört das Scheitern zum Bergsport einfach dazu? Oder anderes gefragt: Wie geht ihr damit um, euer Ziel nicht erreicht zu haben? Kann man in diesem Zusammenhang überhaupt von Scheitern sprechen?

Umzukehren und Aufzugeben gehört zum Höhenbergsteigen dazu. Wer das nicht kann, wird in diesem Sport nicht alt. Es ist ganz klar eine Enttäuschung, wenn man sein Ziel nicht erreicht, doch gescheitert ist man erst, wenn man im entscheidenden Moment nicht loslassen kann und dann Gesundheit und Leben riskiert.

Luis, als du realisiert hast, dass es Alix zunehmender schlechter geht. Was ging dir da durch den Kopf?

Anfangs hatte ich schon noch die Hoffnung, dass sich das wieder geben würde und wir weiter aufsteigen könnten. Als Alix dann kaum mehr Luft bekam und es ihr auch schlagartig kalt wurde, war mir allerdings klar, dass es sich doch um ein gravierendes Problem handelte. Natürlich war ich in dem Moment enttäuscht, aber zugleich auch sehr um Alix besorgt. Mir war sofort klar, dass wir zusammen absteigen mussten. Nie dachte ich daran, alleine weiterzugehen. Ein Lungenödem ist eine lebensgefährliche Sache, die sich sehr schnell verschlimmern kann, damit lässt man niemanden allein.

Hat sich durch die Erlebnisse am Makalu etwas an eurer Einstellung zum Höhenbergsteigen verändert? Oder sagt ihr: Jetzt erst recht?

„Jetzt erst recht“ sagen wir sicher nicht, aber es braucht natürlich etwas Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Definitiv ist aber, dass wir den Spaß am (Höhen-)Bergsteigen dadurch nicht verloren haben. Auch wenn man nicht erfolgreich auf dem Gipfel gestanden ist, lassen sich bei jeder Expedition viele wertvolle Erfahrungen gewinnen, die einem beim nächsten Mal den Erfolg – oder vielleicht sogar das Leben – retten können.

Es heißt so schön „Aller guten Dinge sind drei“. Werdet ihr noch einmal zum Makalu zurückkehren?

Das ist nicht auszuschließen, allerdings eilt es uns damit nicht allzu sehr. Es gibt noch so viele Berge, die wir nicht kennen, die für uns jetzt erst einmal interessanter sind. Falls wir uns doch einmal vornehmen sollten, alle 14 Achttausender besteigen zu wollen, bliebe uns natürlich nichts anderes übrig. Dann wären aber auch drei Versuche nichts Außergewöhnliches. Es gibt Beispiele von Bergsteigern, die sich sechs Mal oder noch öfter an ein und demselben Ziel versuchen mussten, ehe sie erfolgreich waren. Niemand schafft jeden Gipfel gleich beim ersten Versuch.

Ihr seid nicht nur ein äußerst erfolgreiches Expeditionsteam, sondern auch privat ein Ehepaar. Wie wirkt sich das auf eure gemeinsamen Vorhaben und den Umgang mit kritischen Situationen aus? Ist man vorsichtiger bzw. scheut man das Risiko mehr, wenn man mit dem eigenen Partner unterwegs ist?

Wir merken natürlich, dass wir in vielerlei Dingen sehr aufeinander eingespielt sind, vieles funktioniert beinahe automatisch und ohne große Worte. Risiko und Gefahr betreffend, haben wir gelernt, unsere Grenzen möglichst realistisch einzuschätzen. Dennoch kann man es in einem solchen Sport nie ganz vermeiden, dass man doch mal in eine kritische Situation gerät, wie man am Makalu gesehen hat. Dann hat man meist mehr Angst um den Partner, als um sich selbst. Wenn man zusammen unterwegs ist, geht man definitiv weniger Risiko ein, da man stets ein wachsames Auge auf den Partner hat und sich gegenseitig im Zaum hält. Das ist aber nicht als Gängelung zu verstehen sondern ein Sicherheitsmechanismus, der bei uns sehr gut funktioniert.

Welche Eigenschaften schätzt ihr am jeweils anderen beim Bergsteigen am meisten? Wie profitiert ihr am Berg davon, dass ihr euch so gut kennt?

Alix: An Luis schätze ich sehr, dass er konditionell so stark ist, sehr besonnen und in schwierigen Situationen ruhig bleibt. Wir sind ein sehr gut eingespieltes Team. Das merkt man z.B. beim Auf- oder Abbau eines Hochlagers. Da sitzt jeder Handgriff, jeder weiß, was er zu tun hat. Wir ergänzen uns dabei sehr gut.

Luis: Bei Alix gefällt mir ihre Leidenschaft, die sie mit dem Reisen und den Bergen verbindet. Sie fiebert oft monatelang auf einen Trip hin und beschäftigt sich mit allem sehr gründlich. Aber auch ihre andere Seite, die sachliche, analytische schätze ich sehr. Ihr fallen oft Details auf, die mir entgangen sind.

Wie darf man es sich vorstellen, wenn ihre beide Urlaub macht? Seid ihr da auch sportlich aktiv oder ist dann einfach mal Faulenzen angesagt?

Urlaub hat bei uns eigentlich immer mit Sport zu tun. Neben den Bergen gefällt uns auch das Meer sehr gut, doch faul am Strand zu liegen schaffen wir höchstens für einen halben Tag, dann wird es uns zu langweilig. Wir versuchen aber im Urlaub Kontraste zu setzen. Wenn wir auf Expedition sechs bis acht Wochen im Hochgebirge verbracht haben, fahren wir im Urlaub zum Sportklettern oder zum Radeln in die Sonne und mischen das Ganze mit etwas Kultur, Baden und Relaxen.

Alix, du bist ja eigentlich ein waschechter „Fischkopp“ und hast den Bergsport erst verhältnismäßig spät für dich entdeckt, als du zum Studieren nach München gekommen bist. Luis hat dich dann aufs Höhenbergsteigen gebracht. Hast du dich mal gefragt, was passiert wäre, wenn sich eure Wege nicht gekreuzt hätten?

Definitiv würde ich auch ohne Luis klettern, bergsteigen, Skitouren gehen und Mountainbiken in den Alpen – das habe ich ja schon vorher mit großer Begeisterung gemacht, bevor ich ihn kennengelernt habe. Aber tatsächlich hat er mich zum Höhenbergsteigen gebracht und ich wäre ohne ihn sicher nicht da im Höhenbergsteigen, wo ich heute stehe.

Luis, du bist beruflich als Expeditionsleiter und Bergführer tätig. Hast du auch bei euren privaten Expeditionen das Ruder in der Hand?

Ich würde sagen, da teilen wir uns die Aufgaben fifty-fifty auf, wenn wir privat auf Expedition fahren. Das gilt auch für die Entscheidungen. Manchmal müssen Dinge dann zwar ausdiskutiert werden, doch das stellt sicher, dass eine Situation nicht zu einseitig betrachtet wird.

Was war euer bislang schönstes oder bewegendstes gemeinsames Erlebnis? Welcher Gipfel ist euch am stärksten in Erinnerung geblieben bzw. hat euch am meisten geprägt?

Geprägt hat uns jede einzelne Reise auf ihre Weise. Jedes Mal gab es viel zu erleben. Besonders in Erinnerung geblieben ist uns aber der Nanga Parbat, 8125 m, in Pakistan. Nach nur vier Wochen Expeditionsdauer und viel harter Arbeit standen wir alle gemeinsam an einem Traumtag auf dem Gipfel des „Deutschen Schicksalsberges“. Niemand hatte zu Anfang so recht daran geglaubt, dass dieser Berg zu schaffen wäre. Und dann lief alles so wie am Schnürchen…

Welche Touren und Expeditionen stehen noch auf euer To Do Liste?  Welche Träume würdet ihr euch gerne noch gemeinsam erfüllen?

Natürlich wäre es schön, wenn noch der ein oder andere hohe Berg klappt. Aber sehr gerne möchten wir auch noch einmal länger in die USA für einen längeren Klettertrip. Auch an Nahzielen steht noch so einiges auf der Wunschliste. In den Dolomiten beispielsweise sind wir sommers wie winters sehr gerne unterwegs. Dass uns unsere Ziele ausgehen, da haben wir überhaupt keine Sorgen. Eher wird die Wunsch-Tourenliste immer länger….

Weitere Infos gibt’s hier: www.goclimbamountain.de

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