Interview – Stefan Glowacz Vom Kletterer zum Visionär – Red Chili feiert 20-jähriges Jubiläum


 
16.03.16
 

Alles begann vor 20 Jahren, mit einer Vision zweier Klettersportler für den perfekten Kletterschuh. Einen Schuh in dem es selbst nach unzähligen Seillängen noch Spaß macht, auf den kleinsten Leisten zu stehen oder beim Bouldern ohne schmerzende Zehen die Unebenheiten am Fels bzw. in der Halle ertasten zu können. Gesagt, getan. Stefan Glowacz und Uwe Hofstädter waren sich einig und gründeten nach einem kräftezehrenden Klettertag am El Capitan (Yossemite Valley, USA) aus einer fixen Idee heraus eine der heute weltweit führenden Marken im Bereich Kletterschuhe: „Red Chili“.

Live your dream – mit geteilter Führung zum Erfolg

Getreu dem Credo von Red Chili: „Only climbers know, what climbers need“ teilen sich die beiden Gründerväter noch heute das Kletterseil. Nicht nur aus reinem Vergnügen oder um ihrer Leidenschaft am Klettern nachzugehen, sondern auch um ihre Produkte zu testen und ständig weiterzuentwickeln. Im Unternehmen sind beide Geschäftsführer für alle strategischen Belange zuständig. Doch das Thema Tagesgeschäft managed Uwe Hofstädter. Stefan Glowacz ist dagegen Visionär und Gesicht der Marke Red Chili. Seine Ideen bringt er zum einen aus seiner 30-jährigen Erfahrung als Profikletterer mit. Zum anderen von seinen unzähligen weltweiten Expeditionen und Reisen. Zudem steht Stefan Glowacz in sehr engen Kontakt zu weiteren Profi-Kletterern sowie zur gesamten Branche und ist somit immer am Puls der Zeit.

airFreshing.com fragt nach: Interview mit Stefan Glowacz

Anlässlich des 20-jährigen Firmenjubiläums von Red Chili haben wir uns mit Stefan Glowacz in der Münchner Boulderwelt getroffen und ihm einige Fragen über sein Leben als Abenteuerer sowie die Aufgaben als Gründer der Marke Red Chili gestellt.

Viele Klettersportler leben fürs Klettern und richten ihr Leben komplett danach aus. Wie hast du es letztendlich geschafft, auch davon leben zu können?


Wenn man es so will, gab es insgesamt zwei ausschlaggebende Faktoren: meine generelle Leidenschaft fürs Klettern und mein erster Erfolg bei einem großen Kletterwettbewerb. Bis zu meinem großen Durchbruch hatte ich jede freie Minute beim Klettern verbracht, nach der mittleren Reife eine Lehre begonnen und mich drei Jahre lang durch eine Werkzeugmacherausbildung gekämpft, die ich auch abschließen konnte. Und als ich mein Zeugnis dann in den Händen hielt, bin ich direkt erst einmal nach Amerika gegangen. Allerdings kam ich bereits nach drei Monaten wieder zurück, da ich komplett abgebrannt war und wieder arbeiten musste.

Zu dieser Zeit habe ich mir noch nicht wirklich Gedanken darüber gemacht, ob und wie ich vom Klettern überhaupt leben könnte. Ich war einfach nur ein begeisterter Kletterer und bin dadurch immer besser geworden, sodass ich 1985 in Bardonecchia schließlich meinen ersten großen Wettkampf gewinnen konnte. Und dann ging es mit meiner Karriere eigentlich erst so richtig los. Trotzdem habe ich noch immer als freier Handelsvertreter der Marke Wild Country für einen Freund gearbeitet. Bald war es mir möglich, von meiner Leidenschaft zum Klettern auch leben zu können – sei es nun durch die Preisgelder der Wettbewerbe oder in Form von Material-Sponsoring und finanzieller Unterstützung durch verschiedene Klettermarken. Dennoch konnte ich anfangs lediglich von der Hand in den Mund leben. Da kam es schon vor, dass ich manchmal nur noch Geld für zwei Wochen hatte und dann mehr oder weniger gezwungen war, den nächsten Wettbewerb auch wirklich gewinnen zu müssen. Aber ich hab nie wirklich vorgehabt, tatsächlich auch einmal Profi-Kletterer zu werden. Somit ist am Ende alles doch eher ein glücklicher Zufall und nicht nur eine Frage des Trainings gewesen. Ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort und auf den Punkt super fit.

Deine Projekte führen dich immer öfter auch an die entlegendsten Ecken unserer Erde, wobei du deine Ziele entweder auf Skiern oder im Kanu erreichst. Ab wann sind dir die Expeditionen und das Reisen als solches wichtiger geworden, als das bloße Klettern von Routen?


Wie bereits gesagt, haben mich die Abenteuer von Scott, Shackleton und Nansen schon weit vor meinen ersten Kletterprojekten unheimlich fasziniert. Gerade deshalb rückte auch Kanada in den Fokus meiner ersten Expedition, weil dabei sowohl der Aspekt des Abenteuers als auch der Hochleistungskletterei auf ganz natürliche Weise zusammenfinden. Gerade Kanada steht für mich in diesem Zusammenhang als das Land wo genau diese großen Abenteuer möglich sind. Und so kam es zwangsläufig dazu, dass ich mir Gedanken darüber gemacht habe, wie ich zum Klettern als solches auch noch den Abenteueraspekt hinzufügen kann. Mit dem Ergebnis, dass wir es vom letzten Zivilisationspunkt aus mit eigener Kraft zum Ziel schaffen wollen – sei es nun mit dem Kajak, dem Raft, mit Schlitten oder auf Skiern. Hauptsache wir bewegen uns ohne technische Hilfe und ohne uns bequem mit dem Heli irgendwohin bringen zu lassen.

Normalerweise würde man dich ja eher im Bergsport ansiedeln, dennoch hältst du Vorträge im Bereich der internationalen Wirtschaft. Hängt das mit deiner eigenen Marke Red Chili zusammen?


Ja, ganz klar, denn ansonsten würde ich das auch nicht machen. Denn als ich mit Uwe Hofstädter zusammen Red Chili gegründet habe, da habe ich überhaupt erst einmal die unternehmerische Seite kennengelernt. Und dadurch habe ich auch festgestellt, dass für ein Unternehmen viele Aspekte, dieselben Strukturen und Zielsetzungen erforderlich sind, wie wenn ich eine Expedition plane. Eben auch ein Projekt stoppen zu können, wenn man merkt, dass es völlig aus dem Ruder läuft. All diese Faktoren und Mechanismen habe ich bereits als Kletterer und Expeditionsleiter kennengelernt und gebe sie nun in Form eines selbst entwickelten Vortragskonzepts mit spannenden Geschichten und Bildern an Entscheider weiter. Denn anhand eines Beispiels aus dem Bergsteigen kann ich wunderbar eine Brücke zu den Leistungsträgern in der Wirtschaft schlagen und lassen sich optimal Vergleiche ziehen.

Nehmen wir als Beispiel das richtige Kommunizieren, wenn man unter großer Anspannung steht. Da zählt eben auch die Meinung des anderen, der im Grunde genommen auch nur das Ziel erreichen will, wo du hinkommen willst. In so einem Moment sollte man sich dann doch einmal fragen, wieso ich dessen Meinung nicht akzeptieren kann, obwohl sie vielleicht sogar die bessere ist. Geht es also nur um gekränkte Eitelkeit oder um das gemeinsame Ziel? Mit dem Unterschied, dass beim Klettern eine Fehlentscheidung tödlich enden kann, während es im wirtschaftlichen Sinne verhältnismäßig glimpflich ausgeht. Wenn ich diese Fakten den Nachwuchskräften aufzeige, würden sie mich als reiner Sportkletterer aber nur belächeln. Da ich aber die eigene unternehmerische Erfahrung mit einbringen kann, sind meine Thesen weitaus glaubwürdiger.

Ein Unternehmer zu sein und gleichzeitig Expeditionen auf hohem Niveau durch zu führen, ist mit Sicherheit nicht einfach. Lässt sich Beides gut miteinander vereinbaren?

Im Grunde genommen ist es nichts anderes als eine permanente Schadensbegrenzung, zumindest in zeitlicher Hinsicht. Da kannst du auch den besten Zeitplan besitzen, es kommt immer zu unerwarteten Wendungen. Klar räume ich dem Klettern und meinen Expeditionen einen großen Raum ein, aber das geht nur, wenn du dich auf deine Partner verlassen oder extrem gut ergänzen kannst. Nicht selten komme ich ja auch mit neuen Ideen und Visionen von einer Expedition zurück, die dann wieder zu neuen Projekten und Modellen führen. In dem Sinne bin ich zwar Unternehmer, aber in erster Linie der Visionär in der Firma und Uwe derjenige, der sich bevorzugt um die Koordination und Umsetzung von Projekten kümmert. Was bisher sowohl mit Höhen und Tiefen recht gut funktioniert hat. Und um ehrlich zu sein, würde er nicht die strukturelle Dinge steuern, könnte Red Chili auf kurz oder lang wohl nicht überleben, aber andersherum wahrscheinlich auch nicht.

Du bist zielstrebig und ehrgeizig – hat dich diese Einstellung immer nach vorne gebracht oder bist du damit auch schon massiv angeeckt?


Das ist auch wieder so ein Aspekt, den ich in meinen Vorträgen anbringe. Hier handelt es sich ja oftmals um große Talente, deren Fähigkeiten irgendwann einmal erkannt und gefördert worden ist – so wie bei mir damals das Klettern. Meine Eltern haben mich damals auch unterstützt, mich in einen Kletterkurs gesteckt und mich einfach gelassen. Wäre das nicht so gewesen, wäre meine Karriere vermutlich anders verlaufen. Wenn du heute in etwas richtig gut werden willst, also besser als alle anderen, dann reichen Erfahrung, Ehrgeiz und Talent allein längst nicht mehr aus.

Nein, du brauchst Leidenschaft bis zur Besessenheit, sodass du bereit bist mitten in der Nacht aufzustehen und eine Klimmzugserie zu absolvieren.
Soll heißen: Du brauchst immer Ziele in deinem Leben – das gilt im Sport genauso wie auch in der Wirtschaft. Und umso schwieriger und aufwendiger ein Projekt ausfällt, desto mehr Energie und Fokussierung erfordert es am Ende auch. Daher reicht es nicht, eine Expedition zu absolvieren und aufzugeben, wenn es unmöglich erscheint. Vielmehr geht es darum, die Fehler zu erkennen, die Fakoren zu analysieren die zu einem Scheitern geführt haben, um dann wiederzukommen – das unterscheidet einen überdurchschnittlichen  Kletterer von jemandem, der Grenzen neu definiert und neue Maßstäbe setzt. Und dabei spielt der Egoismus, deine Ziele trotz aller Widerstände durchzusetzen,  eine übergeordnete Rolle. Denn wenn du den nicht besitzt, dann wirst du zwar gut, aber nie zur Weltelite gehören.

Du sagst selbst, dass die Marke Red Chili aus dem Bestreben heraus entstanden ist, den besten Kletterschuh zu entwickeln. Hättest du es damals für möglich gehalten, dass sich Red Chili einmal zu einem der führenden Kletterschuh-Produzenten entwickeln würde?


Nein, eigentlich nicht. Für uns war es vielmehr eine Art Expedition auf dem Weg zum „besten Kletterschuh“. Und genau das ist es auch, was uns von einem gelernten BWLer bzw. studierten Ökonomen unterscheidet. Mein Partner Uwe und ich hatten damals einfach nur die Idee, einen perfekten Kletterschuh zu entwickeln, denn außer Boreal und LaSportiva gab es ja kaum etwas am Markt. Während Uwe der kletternde Kaufmann ist, gelte ich als das Aushängeschild von Red Chili und konnte zudem eine langjährige Erfahrung als Schuhentwickler mitbringen.

Wir haben damals in Italien mit der Produktion angefangen. Heute befindet sich das gesamte R&D Department unter einem Dach, sämtliche neuen Schuhmodelle werden bei uns in Löchgau entwickelt und getestet. Wir haben ein sehr effektives Entwicklungsteam. Zudem arbeiten wir erfolgreich mit Freelancern zusammen, die für die Sache brennen und alle selbst leidenschaftliche Klettersportler sind.

Der Klettersport boomt seit Jahren und hat sich mittlerweile zu einem starken Trendsport entwickelt. Durch diese Entwicklung entstehen immer mehr neue Marken in diesem Bereich. Was unterscheidet Red Chili deiner Meinung nach von den New-Comern bzw. von anderen bereits etablierten Marken?


Wir haben eine Geschichte und das Motto: „Only climbers know what climbers need“ ist Ausdruck dieser Geschichte. Wir sind einfach authentisch und ehrlich. Wenn wir bspw. ein neues Modell entwickeln, dann sehen die Leute hier vor Ort in der Boulder- oder Kletterhalle wie wir die Prototypen auspacken und selbst an der Wand testen. Und das ist mir auch wichtig, deshalb teste ich auch jeden einzelnen Schuh selbst, den wir entwickeln. Immer auf der Suche nach Details, die man noch verändern muss bzw. verbessern kann. Wir sind halt einfach einfach begeistert von unseren Produkten und besessen von der Perfektion. Nicht zu vergessen natürlich, dass ich mit meinem Namen und als Profi-Kletterer für die Glaubwürdigkeit von Red Chili stehe.

Das Red Chili Firmen-Credo lautet: „Only Climbers know what climbers need.“ Zieht sich diese Philosophie durch die gesamte Firma oder betrifft dieser Slogan hauptsächlich deine Person?


Bis heute gilt der Slogan von damals, der uns beseelt hat und mit dem wir nach wie vor arbeiten: „Wer sollte nicht besser wissen was ein Kletterer braucht, als der Klettersportler selbst“. So sind denn auch die ersten drei Modelle entstanden, von denen wir damals total überzeugt waren. Und dank unseres Slogans wurden wir auch von Anfang an als besonders glaubwürdig wahrgenommen. Wir sind im Grunde genommen ständig auf der Suche nach dem perfekten Kletterschuh. Unabhängig davon weiß bei uns jeder, worum es beim Klettern geht und worauf es ankommt.

Was macht einen Kletterschuh zu einem guten Kletterschuh – die Passform und Red Chili jetzt einmal außen vor gelassen?


Das Herz eines jeden Schuhs ist der Leisten. Wenn der perfekt ist, dann ziehst du einen Kletterschuh einfach gerne an. Passt der Leisten aber nicht zu deinem Fuß, dann kann der Schuh noch so toll sein und das Material noch so funktional, aber letztendlich wirst du damit definitiv nicht glücklich. Du musst einfach den Leisten finden, der optimal zu dir passt – dabei spielt die Marke an sich kaum eine Rolle. Ebenfalls eine wichtige Rolle spielt die Verarbeitung. Jeder Kletterschuh wird mehr oder weniger in Handarbeit gefertigt, deshalb ist es wichtig die Entwicklungsabteilung in unmittelbarer Nähe zu haben. Weiter ist uns eine sehr enge Zusammenarbeit mit unseren Produktionsstätten enorm wichtig. Diese befinden sich in Europa und China.

Seit 2014 wurde das Portfolio von Red Chili durch eine Bekleidungslinie erweitert. War das deine Idee, bzw. bist du für die Sparte Kletter-Bekleidung verantwortlich?


Diese Idee hatten wir eigentlich schon von Anfang an. Angefangen haben wir damals natürlich mit einem rein technischen Produkt, das sehr wenig Spielraum für Philosophie und Kreativität lässt. Entweder ein Schuh funktioniert oder er fliegt dir vom Fuß. Klettersportler entscheiden ja nicht anhand der Optik, ob ein Schuh gut oder schlecht ist. Design ist in diesem Sinne eher sekundär, viel wichtiger ist die Funktionalität und Qualität. Das eigentliche Lebensgefühl, die Firmenphilosophie und die Leidenschaft am Bergsport sowie am Klettern kannst du aber kaum in einen Kletterschuh packen. Deshalb haben wir eine eigene Bekleidungslinie herausgebracht.

Steckbrief – Stefan Glowacz:

Geburtsdatum: 22.03.1965
Größe/Gewicht: 1,80 m / 70 kg
Beruf: Abenteurer, Kletterer, Referent und Unternehmer
Klettert seit: ca. 30 Jahren
Partner: Beal, BMW, K2, Marmot, PowerBar, Red Bull, Red Chili, Suunto, u. a.
Markenzeichen: Sein eiserner Wille und seine Vernunft

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