Kolumne – Das ist ja der Gipfel #1 Pokémon Go – kann eine Frischluft-App die Outdoorbranche retten?


 
20.07.16
 

Eigentlich wollten wir unsere neue Kolumne ja mit einem ganz anderen Thema eröffnen, aber daraus wird dann wohl nichts, nachdem die neue App „Pokémon Go“ in den letzten Wochen für mächtig Furore gesorgt hat. Sicher, mit diesem Beitrag springen wir ebenfalls auf den Zug um den medialen Hype mit auf, aber dennoch wollen auch wir unsere Meinung zu dem digitalen Trend kundtun. Denn unter dem Motto: „Das ist ja der Gipfel“ wollen wir uns in Zukunft auch einmal ganz persönlich zu aktuellen Themen in der Gesellschaft äußern – oder besser gesagt, uns Luft machen über Dinge, die vor allem die Outdoorwelt und auch uns selbst stark beeinflussen.

Gamification bringt Bewegung in die Welt der Digital Natives

Über Jahrzehnte hinweg durfte die Outdoor-Branche sich über steigende Absatzzahlen und in den 90’er Jahren über einen regelrechten Boom freuen, als die sogenannten „Urban Outdoorer“ sich selbst für den Spaziergang durch den Stadtpark mit einer wasserdichten Regenjacke ausstatteten. Doch Klamotten mit Gore-Tex® Membrane sind längst nicht mehr der Garant für einen anhaltenden Erfolg der Outdoormarken. Und schon gar nicht locken sie die neue Generation hinter dem Ofen hervor, die sich lieber als „Digital Natives“ anstatt als „Frischluftfreunde“ bezeichnen lassen. Generell spielt die digitale Realität in der Welt der jüngeren Generation eine viel größere Rolle als wir alten Hasen es überhaupt nur erahnen können. Längst kommen wir nicht mehr hinterher und fragen uns, was wohl nach GeoCaching, Strava, Movescount und Co. noch alles kommen mag. Gamification ist das Stichwort der Zeit und im Apple Store tummeln sich inzwischen Unmengen an Apps und Widgets, um sich mithilfe von Handys und Armbändern mit anderen Bergsportlern messen zu können. Allerdings gab es bisher noch keinen Anbieter, der auch das Gros der jüngeren Generation erreichte. Bis Pokémon Go die digitale Augmented Reality mit der realen Welt verknüpft hat und die Kids, Teens und Twens in Scharen aus den muffigen Kinderzimmern lockte.

Was ist eigentlich Pokémon Go?

Seitdem laufen die Handynutzer wie ferngesteuert durch die Stadtparks und versammeln sich an den unmöglichsten Stellen, um ein Tamagotchi – oder wie auch immer die Teile heißen mögen – zu fangen. Dabei vermischt sich die digitale Welt auf dem Screen mit der tatsächlichen Realität, denn die App bedient sich beim Aufbau der Spielebenen bei Google Maps. So kann es durchaus passieren, dass man abgeschieden auf einer Wiese liegt und plötzlich taucht ein wildfremder Mensch auf und rennt wie bei einer Schatzsuche quer über die eigene Decke – nur halt ohne Metallsonde am Arm. Schlimmer noch, durch das fortlaufende Starren auf das Handy laufen die sogenannten Swombies beim Queren von Straßen vor fahrende Autos, kollidieren mit im Weg stehenden Hindernissen und stürzen gar meterhohe Klippen in die Tiefe. Sogar über eine im Wald liegende Leiche sollen Spieler zufällig gestolpert sein. Doch was hat es auf sich, dass selbst die schwer von der Couch zu bekommenden Gamer plötzlich in Scharen durch die Gegend wandern?

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Laut dem Videogame-Imperium Nintendo® kann man „mit Pokémon GO für iPhone und Android-Geräte[n] zwischen der echten Welt und der virtuellen Welt der Pokémon hin und her [reisen]“. Demnach wurde eine völlig neue Welt gechaffen, um auf Basis einer „Real World Gaming“-Plattform echte Standorte mit einzubinden, um Spieler überall in der echten Welt auf die Suche nach Pokémons gehen zu lasssen. Befindet sich ein solches Wesen in der Nähe vibriert das Smartphone, damit man es anschließend durch Werfen eines Pokéballs einfängt. Interessanterweise verweist Nintendo® auch auf sogenannte PokéStops, die scheinbar zur Bildung beitragen und auf interessante Schauplätze wie öffentlich zugängliche Kunstobjekte, Sehenswürdigkeiten und Denkmäler aufmerksam machen sollen. An für sich eine nette Idee, um die fußlahmen Kids von heute nach draußen zu bringen. Geo Caching 2.0 ist die App damit zwar noch lange nicht, aber immerhin sorgt es für Bewegung in den Kinderzimmern – weltweit. Ein Fakt, der sprichwörtlich nicht von der Hand zu weisen ist und die sonst so besorgte Gesundheitsbranche aufatmen lassen dürfte. Aber gilt das auch zugleich für die Hersteller von Outdoorbekleidung?

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Nintendo® und Pokémon Go als Retter der Outdoorbranche?

Bei einer Pressekonferenz auf der diesjährigen OutDoor in Friedrichshafen, einer der größten Sportmessen in Europa, wurden neben vielen Themen auch die neuen Möglichkeiten durch Öffnung hin zum digitalen Markt diskutiert. Mammut hat es ja bereits durch sein „360° project“ versucht, um mithilfe von Google auch Normalos die höchsten Berge der Welt besteigen zu lassen. Der Franzose und Frasteya-Präsident Yannik Morat ist der Überzeugung, dass die Outdoorwelt attraktiver gemacht werden muss. Demnach sieht er im aktuellen Pokémon-Trend sogar eine Chance: „Wir brauchen die Verbindung Smartphone und Outdoor“ und fordert, dass die Branche neue digitale Erlebnisformen entwickeln und mehr auf Gamification als Anreiz setzen sollte. Die finnischen Spezialisten für Kinderkleidung Reima haben diesen Weg bereits eingeschlagen und statten ihre Produkte mit GPS-Sendern aus, um die durch die Bewegung der Kinder gewonnenen Daten daheim via Suunto Movescount auswerten zu können. Eine nette Idee, aber zugleich auch irgendwie erschreckend, schließlich geht es doch ums Spielen, Entdecken und Erleben. Wo kommen wir denn hin, wenn wir unsere Umwelt nur noch durch das Handy wahrnehmen. Reicht es nicht, dass bei Konzerten mittlerweile mehr Displays aufflammen als Feuerzeuge? GoPro und Handy sorgen doch längst dafür, dass die Menschen am Gipfel mehr damit beschäftigt sind, sich selbst abzulichten, anstatt sich mit dem zu beschäftigen was sie gerade umgibt.

Eine Rettung für die Outdoorbranche wird Pokémon Go wohl nicht sein, denn die Nutzer interessieren sich nicht wirklich für das, was außerhalb ihres Handys passiert. Viel wichtiger ist die Jagd nach digitalen Tierchen. Da zählen keine Höhenmeter oder Gipfel, geschweige denn das Naturerlebnis. Maximal profitieren also die Hersteller von Schutzhüllen und Powerbanks zum Laden von Smartphones und Tablets. Und um es einmal ganz plakativ zu machen, beschreibt folgendes (selbst erlebtes) Szenario die wahre Realität eigentlich ganz gut: Es ist eine laue ‪‎Sommernacht‬ mit gut 20 Grad, der Mond steht am Himmel und die Linden duften abgöttisch. Im Gebüsch zirpt es, die Enten schippern langsam über den dunklen See und ein paar Glühwürmchen‬ säumen den Weg. Ach nein, das sind ja gar keine Glühwürmchen. Es sind „‎#Pokémongos“. Große und kleine, die mit vom Handy‬-Display erhellten Gesichtern durch den Park irren. Auf der Jagd nach digitalen Trostpflastern für ihre doch so langweilige und ernüchternde Realität. Dabei sind sie doch alle umgeben von einer so wunderbaren Szenerie, die nur keiner von ihnen durch ihre smarten Filter sehen kann oder will.

Ein Kommentar zu
Kolumne – Das ist ja der Gipfel #1: Pokémon Go – kann eine Frischluft-App die Outdoorbranche retten?

  1. Carola Schumacher kommentierte:

    Dieses Spiel scheint nicht nur Frischluft- und Outdoorfans zu mobilisieren, selbst der Social Media-Experte der evangelischen Landeskirche in Mitteldeutschland (EKM) sieht eine Chance in dem Spiel.Unter der Überschrift:“Pokemon-Sucher in Kirche und auf Friedhof willkommen“ äußert Karsten Kopjar gegenüber der TLZ, es sei positiv, wenn jemand rund um eine Kirche nach Pokemons sucht, sei das positiv: „Da kommen Menschen mit Kirche in Kontakt, die sonst diesen Kontakt nicht haben.“ Und an anderer Stelle gibt er zu bedenken: „Wenn jemand zehn Stunden am Wochenende spielt und danach wieder sein Leben lebt, dann ist das gut. Wenn aber jemand zu viel Zeit investiert und womöglich süchtig wird, können darunter Familie und Beruf leiden.“
    Und solange man die kleinen Monster nicht mit dem Lieben Gott verwechselt, auf Altäre steigt und Gottesdienstbesucher belästigt, ist alles in Ordnung!?
    Mir fällt dazu nichts mehr ein….Bin sprachlos, wenn intelligente Menschen so einen Schwachsinn von sich geben!

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