Kommentar – Drama am Mount Everest Über den (Un-)Sinn kommerzieller Expeditionen zum Dach der Welt


 
23.04.14
 

Nur ein Jahr nach dem 60. Jubiläum der erfolgreichen Erstbesteigung im Jahr 1953 durch Sir Edmund Hillary und Sherpa Tensing Norgay steht der höchste Berg der Erde wieder im Mittelpunkt des weltweiten Interesses. Ausgelöst durch die größte Tragödie in der alpinen Geschichte des “Sagarmatha”, wie die Nepali den Mount Everest (8.848m) nennen. Mit der Entscheidung der nepalesischen Sherpa, in diesem Jahr keine Klienten mehr auf den Gipfel des 8.000ers führen zu wollen, stehen nicht nur alle für dieses Jahr geplanten Expeditionen scheinbar vor dem Aus – auch ein ganzes Land und die vom Everest-Tourismus unmittelbar abhängigen Menschen müssen sich mit den daraus resultierenden wirtschaftlichen Einschnitten auseinandersetzen. In der Folge ist nun eine Debatte über die Rechte und finanziellen Absicherungen der Sherpas entbrannt, die auch die Kommerzialisierung des Bergsteigens im Allgemeinen erneut in Frage stellt.

Mindestens 13 Tode nach Lawinenunglück am Mount Everest

Am Karfreitag, den 18.04.2014 wurden bei einem Lawinenabgang im gefährlichen Khumbu-Eisgletscher insgesamt 16 Sherpas verschüttet. 13 von ihnen konnten nur noch tot geborgen werden, die anderen drei werden weiterhin vermisst. Die Bergsteiger waren auf einer Höhe von 5.800m gerade dabei, Fixseile und Leitern zu befestigen, als die Seractürme im berüchtigten “Popcorn Field” über ihnen zusammenstürzten. Dieses Gebiet auf der Südseite des Everest zählt seit jeher zu den gefährlichsten Passagen, das aber von jedem Expeditionsteilnehmer passiert werden muss, der den höchsten Berg der Welt über diese Route besteigen will. Da das Gletschereis dort ständig in Bewegung ist, muss jedes Jahr aufs Neue eine Route eingerichtet werden. Ein gefährlicher Job, der in erster Linie von Angehörigen des nepalesischen Bergvolks – den Sherpas – erledigt wird und schon vielen von ihnen das Leben kostete.

Keine Expedition mehr am höchsten 8.000er im Jahr 2014?

Laut dem ORF hat die nepalesische Regierung für dieses Jahr Lizenzen für insgesamt 32 Expeditionen am Mount Everest erteilt. Die daran teilnehmenden nepalesischen Bergführer verdienen pro Saison zwischen knapp 2.200 und 4.400 Euro, was in etwa dem für nepalesische Verhältnisse gut bezahlten Beruf eines Arztes entspricht. Geld, das den Hinterbliebenen der Opfer in Zukunft zum Überleben fehlen wird. Als Reaktion auf die Katastrophe versprach die Regierung von Nepal daher eine finanzielle Entschädigung für die Familien der Opfer, die mit rund 400 US-Dollar nach Meinung der Sherpas jedoch viel zu niedrig ausfiel. Mit Blick auf das durchschnittliche Jahreseinkommen in Nepal von 692 US-Dollar mehr als verständlich. Auch bezüglich der Versicherung im Fall eines Unglücks entbrannte eine Debatte, da diese in keinem Verhältnis zur Höhe der zu zahlenden Lizenzen (aktuell rund 25.000 US-Dollar) für eine Besteigung des Mount Everest stehen würden. „Wir haben nach einer längeren Sitzung an diesem Nachmittag beschlossen, zu Ehren unserer gestorbenen Brüder sämtliche Bergtouren einzustellen“, verkündete daher der Bergführer Tulsi Gurung stellvertretend für seine Kollegen und Landsmänner, die sich aktuell noch im Basislager befinden. Das kommt einem Generalstreik gleich und bedeutet vorerst wohl das Ende für alle für 2014 geplanten Expeditionen, noch ehe die neue Saison überhaupt begonnen hat.

“Arbeitsunfall” oder die logische Konsequenz kommerzieller Interessen?

Als Folge der Absage seitens der Sherpas beginnt nun auch hierzulande wieder die Diskussion über den Sinn und Unsinn kommerzieller Expeditionen. Denn laut gängiger Meinungen werden dabei vor allem eher unprofessionelle Privatpersonen für eine Unsumme auf den Gipfel geschleppt. Reinhold Messner bewertete in seiner jüngsten Stellungnahme die Katastrophe im Himalaya daher wohl auch als logische Konsequenz, da die sich Jahr für Jahr ganze Massen über die alpinen Autobahnen in Richtung Gipfel hinauf schieben. Somit hat er durchaus Recht, wenn er von einem “Arbeitsunfall” spricht und damit auf die von ihm viel kritisierten Folgen der Kommerzialisierung des Bergsteigertums in dieser Region verweist. Doch zugleich wirft sich die Frage auf, welchen Anteil der Extrembergsteiger aus Südtirol selbst an dieser Entwicklung trägt und ob er mit seiner erfolgreichen Besteigung des Everest im Jahr 1978 (ohne die Verwendung von künstlichem Sauerstoff) einen zuvor elitären Trend überhaupt erst salonfähig gemacht hat?

Für die Sherpas, Lastenträger und deren Angehörige zählen kommerzielle Expeditionen zu einer der bedeutendsten Einnahmequellen und sind auch für Nepal einer der wichtigsten Wirtschaftszweige überhaupt. Aber auch die normalen Trekking-Fans bringen Geld in das arme Land, indem sie mehrere Tage lang durchs Land ziehen und sich hierfür einen persönlichen Führer nehmen. Und selbst ein Sir Hillary hätte womöglich ohne die Unterstützung seiner nepalesischen Träger und Bergführer nicht einmal das Basislager erreicht. Daher wäre es falsch, die Debatte ausschließlich darüber zu führen, ob in Zukunft nur noch versierte Extrembergsteiger auf den Gipfel steigen dürfen und andere nicht. Denn wer soll letztendlich beurteilen, ob es sich dabei um das viel kritisierte Hochschleppen amateurhafter Gipfelaspiranten oder die dienstleisterische Unterstützung von Bergtouristen seitens eines Trägers bzw. eines persönlichen Guides handelt? Vielmehr müsste darüber diskutiert werden, ob die Verwirklichung persönlicher Lebensträume immer auf Kosten des vermeintlich schwächsten Bindeglieds – den Sherpas – gehen muss.

In erster Linie ist es wohl die Regierung von Nepal, die im Hinblick auf die soziale Absicherung der Sherpas nun etwas ändern sollte. Aber ebenso müssen sich auch die Expeditions-Anbieter deutlich mehr in die Pflicht nehmen lassen oder zumindest proaktiv etwas für die wichtigsten Mitarbeiter in ihren eigenen Reihen tun, wenn der Staat sich aus der sozialen Verantwortung zieht. Schließlich handelt es sich nicht um ein sklavenartiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen Reiseagentur und den Sherpa, sondern vielmehr um eine für beide Seiten möglichst gewinnbringende Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Dabei spielen aber nicht nur monetäre Belange eine Rolle. Die Wahrnehmung sozialer Verantwortung stellt schlichtweg eine Form des gebührenden Respekts dafür dar, dass die Sherpas tagtäglich Kopf und Kragen riskieren, um zum Teil vollkommen überforderte Klienten zum Gipfel und sicher wieder zurück ins Basislager zu führen.

Müssen nun auch die “Modeberge” in Europa hinterfragt werden?

Auch der DAV Summit Club, einer der weltweit größten Spezialreiseveranstalter für aktive Berg- und Kulturerlebnisse, steigt ab 2015 in die Runde der Expeditionsanbieter mit ein und ermöglicht privaten Personen den Gipfelsturm des Mount Everest von China aus. Hinsichtlich der aktuellen Ereignisse und Entwicklungen erhofft sich Geschäftsführer Ingo Nicolay in erster Linie eine konstruktive Diskussion, die vor allem nicht polemisch geführt werden sollte. Seiner Meinung nach sind und waren die Gefahren am Mount Everest immer vorhanden, aber dennoch ist für ihn das “Schicksal nichts, wo man nun mit dem Finger auf andere zeigt”. Vielmehr ist er davon überzeugt, dass man kommerzielle Expeditionen nicht pauschal verurteilen kann. Viel wichtiger ist für ihn, dass sich eine ganze Branche generell die Frage stellen sollte: “Ist das richtig, was wir dort am größten Berg der Welt tun? Und wenn nicht, dann sollten auch die Modeberge in Europa hinterfragt werden!” Ein Einwand, der durchaus berechtigt ist. Denn unter dem Gesichtspunkt, dass die großen Expeditionen an den höchsten Bergen der Welt in Zukunft nur noch professionellen Bergsteigern vorbehalten sein sollten, würde auch hierzulande die “Expeditionen im Kleinen” in Frage stellen – und damit einen kompletten Berufszweig sowie die gesamte Tourismusbranche, die davon mehr oder weniger abhängig ist.   Quellen: Deutsche Welle / ORF / AFP / Spiegel.de

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