Made in Germany – SALEWA Bergsport auf Münchnerisch – die Geschichte einer alpinen Traditionsmarke


 
01.06.15
 

SALEWA zählt wohl zu den bekanntesten Outdoormarken in Deutschland, von der vermutlich jeder zweite Bergsportler das ein oder andere Produkt durch die Gegend trägt. Ein Name, der vor allem bei Menschen der älteren Generation viele Erinnerungen wach ruft – an bewegende Momente, große Ideen und die Verwirklichung noch größerer Träume. Denn jeder Rucksack, jede Jacke und jeder Bestandteil der Expeditionsausrüstung von SALEWA trägt auch ein Stück deutsche Geschichte in sich. Was einst in München als Sattlerei seinen Anfang nahm, zählt heute in aller Welt zu einer der bekanntesten Bergsportmarken, die in punkto Innovation, Qualität und Sicherheit neue Maßstäbe gesetzt hat.

Damit ist der traditionsreiche Familienbetrieb mit Hauptsitz in Bozen (Südtirol) und seiner deutschen Niederlassung in Aschheim ein wunderbares Beispiel für unsere Serie „Made in Germany“, in der wir kleine wie auch große Marken aus dem Bereich des Outdoorsports vorstellen wollen, die in Deutschland ihre Wurzeln haben und zum Teil noch heute ausschließlich vor Ort produzieren. Hierzu zählen neben den Branchengrößen Edelrid, Ortlieb oder Ortovox auch der Müsliriegel-Spezialist HAFERVOLL sowie das Snowboardlable Schneebrett. Diesmal haben wir uns mit Hermann Huber in dessen „Basecamp“ in Gaißach bei München getroffen und mit dem Urgestein deutscher Alpingeschichte über die bewegende Geschichte von SALEWA gesprochen, die er als Mitbegründer des Unternehmens entscheidend mitgeprägt hat.

Back into future – Bergsport im Tal Nr. 21

Erst im Jahr 2014 kehrte die Outdoormarke SALEWA nach knapp 80 Jahren zurück zu ihren Wurzeln nach München, wo sie 1935 in der Thalkirchener Straße gegründet wurde. Hier öffneten sich in der SALEWA World im Tal 21 nahe dem Marienplatz im April 2014 erstmals die Tore. Seitdem wird im neuen Flagship-Store auf rund 400qm Ladenfläche ein ausgewähltes Sortiment an Bergsportausrüstung angeboten. Beim feierlichen Opening ebenfalls dabei war auch Hermann Huber, der als einstiger Geschäftsführer und Mitbegründer des Familienbetriebs die Entwicklung vom kleinen Alpinspezialisten hin zum Global Player hautnah miterleben und vor allem tatkräftig unterstützen durfte. Sichtlich bewegt und nervös ob der vielen Gäste wünschte der gebürtige Münchner den verantwortlichen Shop-Betreibern viel Erfolg und zeigte sich hoch erfreut darüber, dass sein Lebenswerk in der eigenen Heimatstadt eine Fortsetzung findet. Doch auch wenn er in der großen Runde an Pressevertretern und Mitarbeitern irgendwie ein wenig verloren wirkte, besaß der ehemalige Geschäftsführer doch eine unverwechselbare Omnipräsenz. Denn ihn umgeben Sanftmut und eine innere Ruhe, die ansteckend wirken und die wohl nur jemand besitzen kann, der Krisen wie auch schöne Zeiten mit jeder Faser des Körpers ge- und erlebt hat.

Davon noch immer beeindruckt, freuten wir uns umso mehr, als wir diesen Ruhepol an einem verregneten Freitag im September 2014 in seinem „Basecamp“ in Gaißach besuchen durften. Hier hat sich der inzwischen fast 85jährige im Spitzgiebel eines alten Bauernhauses sein ganz persönliches „Museum der Alpingeschichte“ eingerichtet, in das er sich von Zeit zu Zeit flüchtet, wenn ihm der Trubel der Großstadt wieder einmal zu viel wird. Wir durften einen Blick in dieses Kleinod werfen und uns auf eine kleine Reise durch die Entwicklung alpiner Ausrüstung begeben – vom einfachen Hanfseil über rostige Eishaken bis hin zur ersten GORE-TEX® Jacke von SALEWA.

SALEWA – eine (fast) 80jährige Liebesgeschichte zum Bergsport

Es war Josef Liebhart, der am 8. Juli 1935 die SALEWA GmbH in einem Münchner Hinterhof gründete. Doch mit Bergsport hatte das noch junge Unternehmen anfangs nur wenig bis gar nichts zu tun. Als „Sattlerei für Lederwaren“ stellte das Unternehmen während der Kriegsjahre vielmehr verschiedene Leder- und Textilprodukte, erste Rucksäcke mit Stahlrohrgestell und Haselnuss-Skistöcke für das Militär her. Erst mit der ständig wachsenden Nachfrage nach dem nötigen Equipment für Skifahrer in der Wintersaison 1953/54 gelang SALEWA schließlich der Durchbruch im Sportsegment. Treibende Kraft war damals vor allem Hermann Huber, der seine „Karriere“ in der einstigen Sattlerei als Industriekaufmann in der Buchhaltung begann. Dass er die Lehre damals überhaupt antreten konnte, hatte er seinem Vater zu verdanken, der den Firmengründer persönlich kannte und diesen um eine Beschäftigung für seinen Sohn bat. Gab es doch gerade in der Nachkriegszeit im total zerbombten München nur wenig Arbeit zu vergeben – ganz zu schweigen von Lehr- oder Ausbildungsstellen.

Doch Hermann Huber wusste körperlich wie mental zu überzeugen. So wurde ihm bereits nach kürzester Zeit und im Alter von gerade einmal 16 Jahren die komplette Verantwortung für die Lohnbuchhaltung übertragen. Im Gegensatz zu den eher langweiligen Aufgaben in diesem Bereich, faszinierte den jungen Münchner jedoch vielmehr die Welt der Berge und des Klettersports, die er bereits in frühester Jugend gemeinsam mit seiner späteren Lebensgefährtin eroberte – der unverwechselbaren “Taubenstein”Fanny. Mit ihr unternahm er so manch waghalsige Bergtour in den bayerischen Alpen, die seiner großen Liebe sogar fast einmal das Leben gekostet hätte. Wohl auch aus diesem Grund beschäftigte sich der eifrige Tüftler intensiv mit Materialtechniken und schaute immer häufiger auch den Arbeitern in der Schlosserei über die Schulter, um mehr über die Fertigungsprozesse der einzelnen Produkte in Erfahrung zu bringen und sich diese für die Umsetzung eigener Ideen anzueignen. Auf diese Weise sammelte der heute fast 85jährige das nötige Fachwissen, um seine eigenen Produkte zu entwickeln und sich so vom Beruf des Buchhalters, über den Posten des Versand- und Verkaufsleiters bis hin zum Prokuristen und schließlich zum Geschäftsführer von SALEWA emporzuarbeiten. Infolgedessen wuchs seine Aufgabe als Ideengeber für die Produktion und Entwicklung neuer Produkte stetig an, welche die Bergsportbranche später zum Teil revolutionieren sollten und die selbst heutzutage noch in kaum veränderter Form hergestellt werden.

Entwicklung zur Bergsportmarke – vom Rucksack zur Eisschraube

Hermann Huber zählte seinerzeit zu den bekanntesten Alpinkletterern in München und trainierte seine Fähigkeiten über viele Jahre beim Sportklettern und Bouldern im  Isartaler Klettergarten Buchenhain. Hier legten auch viele andere Pioniere wie bspw. „RAMBO“ Otto Herzog oder Anderl Heckmair/Eiger38 die Grundlagen für die spätere Entwicklung und führende Stellung der ostalpinen Extrem-Kletterei. Huber gilt zudem als einer der ersten deutschen Outdoorsportler im geteilten Nachkriegsdeutschland, der sich auf Expedition nach Südamerika begab. Dafür opferte er sogar den Traum vom eigenen Motorrad und steckte das bis dato angesparte Geld lieber in die Finanzierung von Ausrüstung, Material und Transport anstatt auf den ohnehin schlechten Straßen Gas zu geben. Selbst die Heirat mit seiner geliebten Fanny musste aufgrund der für 1955 geplanten Anden-Expedition zur Cordillera Blanca in Peru weiter auf sich warten. Dass es sich dabei am Ende um einen Meilenstein für den Bergsport handeln sollte, damit rechnete zu jener Zeit wohl kaum jemand. Denn mit der Entwicklung eines nach den Vorstellungen von Hermann Huber konzipierten Rucksackmodells mit einem neuartigen und von innen verstellbaren Tragesystem aus Stahlbändern revolutionierte SALEWA das zu jener Zeit gängige und doch recht unbequeme Stahlgestell der norwegischen Pendants. Als Modell „Anden“ wurde kurz danach eine modifizierte Version des Rucksack in das aktuelle Programm der Bergsportabteilung mit aufgenommen, womit die Grundlage für den unaufhaltsamen Erfolg der Bergsportmarke im Bereich alpiner Hartwaren besiegelt werden sollte.

Eisausrüstung, Eispickel und flexibel anpassbare Leichtsteigeisen folgten später in den 60’er Jahren und ließen das Münchner Unternehmen schnell zur Weltmarke heranwachsen. Auch hier war Hermann Huber wieder entscheidend an der Entwicklung der einzelnen Produkte beteiligt und trieb diese maßgeblich bis zur Serienreife voran. Hierzu zählte unter anderem auch die erste konische Rohreisschraube, die seit 1964 das Klettern im Eis deutlich sicher machen sollte und mittlerweile zum Industriestandard geworden ist. Erst in den 70er Jahren wurde die Produktpalette wesentlich um Daunenbekleidung, Alpin-Schlafsäcke, Leichtzelte und Funktionsbekleidung aus Materialien wie Fleece erweitert, wodurch sich SALEWA vom reinen Bergsportspezialisten zum Gesamtanbieter für Outdoor-Aktivitäten etablierte und die eigenen Produkte nur ein Jahr später unter einem gemeinsamen Logo bündelte – dem unverwechselbaren Adler, der noch heute in aller Welt als Symbol für höchste Qualität und Verlässlichkeit steht. Das SALEWA in punkto technischer Outdoor-Ausrüstung nach wie vor zur Weltspitze zählt, zeigt erneut eine auf der ISPO 2014 vorgestellte Eisschraube. Die „Quick Screw“ setzt neue Maßstäbe hinsichtlich Handhabung, Performance und Sicherheit. Eine Innovation, die von der Jury direkt mit einem ISPO AWARD 2014 belohnt wurde und auch die in Hermann Huber nach wie vor innewohnende Begeisterung für das Eisklettern wieder aufleben lässt.

AlpineXtrem – schwere Zeiten und ambitionierte Ziele

Viele Jahre lang lief das Geschäft für SALEWA überaus gut, bis immer mehr Firmen in den stetig wachsenden Markt der Outdoorbranche drangen und das große Geschäft witterten. Um im internationalen Wettbewerb weiter bestehen zu können, musste die Münchner Bergsportmarke auch in andere Länder expandieren. Um finanziellen Engpässen aus dem Weg zu gehen, wurde die Zusammenarbeit mit der Bozener Großhandels-und Importfirma Oberalp sports/experts weiter ausgebaut. Diese war seit 1983 Distributor in Italien und hatte Mitte bis Ende der 90er Jahre rund 70% der SALEWA Textilkollektion in Lizenz entwickelt. 1990 übernahm die Familie Oberrauch schließlich die Mehrheit an der SALEWA Sportgeräte GmbH, die seitdem unter dem Dach der Oberalp Group geführt und auf dem Weg zur Globalisierung in vielerlei Länder exportiert wird. Dadurch rückte SALEWA zunehmend vom einstigen Schwerpunkt als Anbieter technischer Hardware ab und konzentrierte sich verstärkt auf textile Produkte. Für Huber und die damalige „Abteilung“ SALEWA SPORT war es eine notwendige Übergangslösung, um sich gegenüber der früheren „Mutterfirma“ Salewa Tapeten-Stoffe-Teppiche AG als eigenständiges Unternehmen endgültig zu etablieren. Willkommener Nebeneffekt: Statt der Entscheidungshoheit konnte sich Huber über die Aussicht auf deutlich mehr Zeit für sein Privatleben und die Bergsteigerei freuen. Und auch wenn diese Übergangsphase anfangs durch teils raues Gelände führte, konnte sich SALEWA in den kompetenten Händen der heutigen Inhaber zu neuen Höhen aufschwingen.

Mit Beginn des neuen Jahrtausends erreichte die Marke schließlich eine neue Dimension, indem sie sogar einen eigenen Athleten-Kader aufbaute, zu denen noch heute bekannte Größen wie die Kletterer Roger Schäli, David Hefti oder Simon Gietl gehören. Eine neue Ära in der Firmengeschichte läutete jedoch die Eröffnung des neuen Headquarters in Bozen ein, die schließlich im Mai 2014 in einem komplett überarbeiteten Markenauftritt gipfelte. Ebenso wie das futuristische Gebäude soll nun auch der für 2015 geplante weltweite Relaunch des gesamten Produktportfolios dazu dienen, die essenziellen Markenwerte des mittlerweile in Südtirol ansässigen Unternehmens unter dem Motto „Get Vertical“ nach außen zu tragen. Eine ambitionierte Frischzellenkur, in deren Rahmen sogar das traditionsreiche Logo überarbeitet und auf Basis des bisherigen Adlers ein futuristisch anmutendes Symbol geschaffen wurde. Ob auch den Produkten der Sprung in ein neues Zeitalter gelingt, bleibt abzuwarten. Denn das zukunftsweisende Design erntete bei der eigenen Zielgruppe nicht nur positives Feedback – aber was will man auch anderes erwarten, wenn sich eine Marke (fast) komplett neu erfindet.

Hermann Huber – mit (fast) 85 Jahren noch kein bisschen müde

Hermann Huber jedenfalls hat längst seinen Frieden mit der Entwicklung von SALEWA gefunden und zeigt sich sogar mehr als begeistert über den modernen Look der traditionsreichen Bergsportmarke. Manches würde er vielleicht anders machen, aber im großen Ganzen zeigt er sich zufrieden mit dem Ergebnis. Auch wenn er sich inzwischen vollständig aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen hat, kann er es einfach nicht lassen, neue Technologien auf Herz und Nieren zu prüfen. Sofern es die Knochen noch zulassen, legt er sogar selbst noch Hand an und kraxelt im Buchenhainer Klettergarten ein paar einfache Routen. Wie auch immer die Zukunft von SALEWA aussehen mag, zumindest in einem Punkt ist sich dessen Gründervater absolut sicher: „Eine Marke kann nur dann überleben, wenn sie sich immer wieder neu erfindet“. Auch wenn bei diesen Worten ein wenig Wehmut mitschwingt, so zeigt sich Hermann Huber doch überzeugt davon, dass die Traditionsmarke auch in den nächsten 80 Jahren mehr als nur eine feste Größe im Bergsport bleiben wird.

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