News – BAFFIN ISLAND 2016 By fair means 4.0 – Stefan Glowacz, Robert Jasper & Klaus Fengler auf Expedition


 
28.04.16
 

Die ultimative Herausforderung für die besten Kletterer der Welt sind zweifelsohne die unzähligen Big Walls auf Baffin Island. Bis zu 1.000 Meter hohe und zum Teil aalglatte Granitwände, die nahezu senkrecht und überhängend direkt aus dem Meer aufragen. Wände, die auf Stefan Glowacz, Robert Jasper und Klaus Fengler schon immer einen ganz besonderen Reiz ausübten. Doch noch viel größer als der Reiz der schier unüberwindbaren Vertikalen, ist ihr Wille, die gottverlassene Gegend im nördlichsten Teil von Kanada aus eigener Kraft zu erreichen. Gerade weil es in unserer heutigen, achso hochzivilisierten Welt kaum noch Orte gibt, an denen man sich nicht per Helikopter, Schneemobil und Co. absetzen lassen kann. Nein, das wäre zu einfach. Der eigentliche Reiz ist doch das Abenteuer, das Ungewisse, das Unkalkulierbare – sei es in Form von Schneestürmen, Eisbären oder anderen unterwegs lauernden Gefahren.

Am 28. Mai 2016 macht sich das Dreigespann auf den langen Weg zu eben jenen großen Wänden, um den Begriff des Abenteuers auf ganz individuelle Weise zu definieren: By fair means. Ein Leitsatz, der mittlerweile als Markenzeichen der Expeditionen von Stefan Glowacz gilt. So haben sich die drei Abenteurer auch dieses Mal wieder ganz bewusst das Ziel gesetzt, bei der Fortbewegung möglichst komplett auf technische Hilfsmittel zu verzichten und im Stil von Shackleton und Amundsen das waghalsige Vorhaben bis zur geplanten Rückkehr am 05. Juli 2016 aus eigener Kraft zu meistern. Wir waren bei der Präsentation der Expeditionspläne auf der Zugspitze dabei und haben die wichtigsten Fakten über die Expedition powered by BMW, ZEISS, LOWA, Marmot, GORE-TEX® uva. zusammengetragen.

News: Stefan Glowacz, Robert Jasper & Klaus Fengler gehen wieder gemeinsam auf Expedition und wollen auf Baffin Island (Kanada) bis zu 1.000 Meter hohe Big Walls erstbesteigen. (© airFreshing.com)

By Fair Means 4.0 – die Kraft des Abenteuers

In unserer hochtechnisch zivilisierten Welt ist es möglich geworden, sich an jedem Punkt dieser Erde absetzen und wieder abholen zu lassen. Es besteht lediglich eine logistische und finanzielle Herausforderung. Der Begriff „Abenteuer“ verliert durch die nahezu grenzenlosen technischen Möglichkeiten zunehmend an heroischem Glanz und verschwindet nahezu in der Bedeutungslosigkeit. Ein Umstand, der den erfolgreichen Unternehmer (Red Chili) und Extremsportler Stefan Glowacz ganz besonders wurmt. Faszinieren den umtriebigen Globetrotter doch bereits seit seiner Jugend vor allem die ganz großen Expeditionen an Nord- und Südpol. Mit ein Grund, weshalb der einstige Sportkletter-Profi seit Jahren versucht, seine Ziele stets aus eigener Kraft zu erreichen und ganz bewusst auf technische Fortbewegungsmittel zu verzichten.

Natürlich greift das Team bei seiner Anreise und aufgrund logistischer Zwecke ebenfalls auf moderne Transportmittel wie Flugzeug und Schiff zurück, will sich vom letzten Punkt der Zivilisation in Clyde River jedoch nur mehr auf die eigene Muskelkraft verlassen. Insgesamt gilt es, eine Strecke von rund 150 Kilometern zurückzulegen – bis zu 15 km und gut 15 Stunden pro Tag. Wobei jeder einzelne Expeditionsteilnehmer neben gut 70 Kilo an Nahrung, Gepäck und Ausrüstung auch noch mit eisigen Temperaturen von bis zu -25 Grad und der ständig lauernden Gefahr von Eisbären umgehen muss – von den rauen Naturgewalten des Wetters mal abgesehen. Das eigentliche Ziel ist der Sam Ford Fjord, wo bis zu 1.000 Meter hohe Felswände mit einem Schwierigkeitsgrad im oberen 9. bzw. im unteren 10. Grad nur darauf warten, endlich erstbegangen zu werden.

Kanada, Baffin Island 2008, Buchan Gulf, The Bastions, Fotograf Klaus Fengler geniesst die Stimmung im Biwak. (© Klaus Fengler)

Das Ziel:

Baffin Island ist die fünftgrößte Insel der Welt und liegt oberhalb des kanadischen Festlands gegenüber von Grönland. Unter Profi-Kletterern werden die unzähligen Fjordeinschnitte an der Ostküste auch als „Epizentrum des Big Wall Kletterns“ bezeichnet. Ein wahrhaftiges Mekka für Klettersportler aus aller Welt, das für die meisten von ihnen jedoch unerreichbar bleibt. Warum? Weil die verlassene Gegend alles andere als menschenfreundlich ist und jeden Besucher nicht nur witterungsbedingt vor so manche Herausforderung stellt. Voraussetzungen mit denen sich Stefan Glowacz aufgrund seiner bisher gesammeltzen Erfahrungen von zwei vorangegangenen Expeditionen bestens vertraut ist. Diese waren denn auch die Grundlage für seine langjährige Planung einer Erstbegehung an einer der zahlreichen Big Walls. Von Clyde River aus, dem letzten Zivilisationspunkt der Inuit, soll es über den Landweg in den gut 200 Kilometer entfernten Sam Ford Fjord gehen. Diese gigantische Strecke aus eigener Kraft zu meistern und dabei sowhl Ausrüstung und Verpflegung für über einen Monat mitzuschleppen, ist bisher noch niemandem gelungen.

Die Hilfsmittel:

Das eigentliche Ziel kann auf zwei unterschiedliche Arten erreicht werden. Im Frühjahr gibt es die Option mithilfe eines Motorschlittens über das zugefrorene Meer zu den Big Walls zu gelangen. Ein paar Wochen später, also nach Eisaufbruch, wäre eine Überfahrt mit einem Boot der Karibu-Jäger des Inuit-Stamms möglich. Beide Varianten sind extrem kostenintensiv und widersprechen dem selbst aufgestellten Prinzipien der Expedition. Um möglichst autark zu bleiben und ein Höchstmaß an Gewicht einzusparen, entwickelte Stefan Glowacz gemeinsam mit der Salzburger Firma CarboTech  ein innovatives Konzept für einen Expeditionsschlitten, der in diesem Bereich ein echtes Novum darstellt. Schließlich kann der vorwiegend als Pulka zum Ziehen von rund 200 Kilo an Proviant und Ausrüstung eingesetzte Schlitten auch zu einer Art Katamaran (Raft) mit einer viertel Tonne Auftriebsvolumen umgebaut werden, um trockenen Fußes über eiskaltes Wasser zu gelangen.

Der eigentliche Clou ist aber, dass das gerade einmal 12 kg leichte, 90 cm breite und 2,5 Meter lange Transportmittel mithilfe von Spezial-Leichtmetallrädern auch in eine Rikscha verwandelt werden kann, um auf festem Untergrund deutlich schneller voranzukommen. Und dem nicht genug, kommt das innovative „Multitool“ bei der späteren Erstbegehung auch noch als Portaledge zum Einsatz. Ausgestattet mit einem neuen von Gore-Tex und Marmot in gemeinsamer Zusammenarbeit entwickelten Außenstoff bietet der Schlitten in der Wand besten Schutz vor Wind und Wetter. Ergänzt wird die Ausrüstung noch durch winterfestes Equipment von Marmot sowie besonders warme Expeditionsstiefel des Bergschuhspezialisten LOWA.

Erste gehversuche mit dem Carbonschlitten (© Klaus Fengler)

Die Gefahren:

In einer der menschenunfreundlichsten Regionen der Erde lauern diverse Gefahren. Hierzu zählen neben Schneeschmelze und tiefen Gletscherspalten auch aufbrechende Eisflächen. Eine der größten Gefahren stellt aber wohl der Eisbär dar. Das größte an Land lebende Raubtier der Erde kann eine Körperlänge von bis zu 2,60 Metern, eine Schulterhöhe von bis zu 1,60 Metern und ein Gewicht von bis zu 800 kg erreichen. Sollte es zu einem unerwarteten Stelldichein an Land kommen, sollen im Notfall Warnschüsse aus der Schrotflinte und Leuchtraketen für Sicherheit sorgen. Und damit das Expeditionsteam auch nachts gut schlafen kann, wird das Basecamp noch zusätzlich mit einem „Bärenzaun“ gesichert, der nächtliche Besucher ankündigt, indem Leuchtraketen gezündet und ein Alarm ausgelöst werden. Und natürlich bietet auch die Big Wall selbst mit Steinschlag und unerwarteten Wetterumschwüngen ausreichend Gefahren. Passieren sollte allerdings in allen Fällen möglichst nichts oder zumindest dürfen nur Blessuren auftreten, die mit Schmerzmitteln und Medikamenten selbst behandelt werden können. Schließlich ist eine Rettung aus der Luft im absoluten Ernstfall nur mit viel Aufwand möglich, liegt der nächstgelegene Helikopter-Stützpunkt doch im gut 3.000 km entfernten Halifax.

Ausführliche Infos zur Expedition gibt’s hier.

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