News – Mammut Project Reclimbing the Classics Episode 3 – La Rose et le Vampire 8b, Le Bout du Monde (FRA)


 
12.06.14
 

Das Ende der Welt liegt in Südfrankreich in den Bergen von Luberon und war in den 1980er-Jahren die Pilgerstätte für die besten Kletterer der Welt. In »Le Bout du Monde« schlägt das Herz von Buoux, und in »La Rose et le Vampire« verdichtet sich die Idee vom Tanz in der Vertikalen. Diesen April wagte die Mammut Pro Team Athletin Anna Stöhr den Tanz mit der Vergangenheit.

Episode 3 – La Rose et le Vampire 8b, Le Bout du Monde (FRA)

»Le Bout du Monde« – das Ende der Welt – befindet sich am äusserten rechten Rand der Felsenwelt von Buoux, einem der berühmtesten Klettergebiete der Welt. In den 1980er-Jahren wurde hier Klettergeschichte geschrieben und das Sportkletterns massgeblich geprägt. Als »Le Gang des Parisiens«, eine Gruppe junger wilder Kletterer aus Paris, ab 1984 die Felsen von Buoux zu ihrem Spielplatz machte, begann dort das Zeitalter des X. Schwierigkeitsgrades, und als die Brüder Marc und Antoine le Menestrel, Jean-Baptist Tribout und Laurent Jacob schliesslich im äusserst rechten Wandteil eine gelbüberhängende Mauer ohne jegliche Kletterroute entdeckten, da gab es kein Halten mehr.

Antoine versuchte sich an einer Linie durch den abweisendsten Wandteil – und weil im unteren Teil auf einigen Metern keine Griffe vorhanden war, modellierte er eine der berühmtesten Kletterstellen der Welt – den »Kreuzzug«. Dieser wurde zum Inbegriff des Sportkletterns der späten 1980er-Jahre; es war in jener Zeit üblich, zu kleine oder gar nicht vorhandene Griffe künstlich zu verändern. Viele Wochen verbrachte Antoine damit, die einzelnen Stellen seiner neuen Route zu optimieren bis ihm im September 1985 der Durchstieg gelang. »La Rose et le Vampire« zählt bis heute zu den berühmtesten Kletterrouten der Welt, nicht zuletzt wegen des einzigartigen Kreuzzugs. Es war die erste 8b in Südfrankreich, und Kletterer aus aller Welt kamen, um sich an ihr zu versuchen: Viele liessen sich vom Vampir aussaugen, die Rose fanden nur wenige – wie sagte doch Antoine: »Die Route ist der Vampir, und die Rose ist für den Sieger.«

Heute arbeitet Antoine als Choreograph und Tänzer bei der Tanzkompanie »Les Lézards Bleus«, deren Gründer er auch ist und mit denen er ein einzigartiges Ballett in der Vertikalen präsentiert: Tanztheater verkehrt! Wie komplex die Choreographie von »La Rose« angelegt ist und wie grenzwertig die Einzelzüge sind, zeigt die Tatsache, dass die Tirolerin Anna Stöhr, vierfache Gesamtweltcupsiegerin im Bouldern und Mitglied im Mammut Pro Team, fast 30 Jahre nach der Erstbegehung vier Tage für die Realisierung der Route benötigte, die ihr alles abverlangte. „Am schwersten fiel mir der Zug über die Dachkante, da er sehr weit für mich ist“, so die Spitzenkletterin.

Interview Mammut Pro Team Athletin Anna Stöhr

Wie war die Zeit mit Antoine? Was hat dich an ihm am meisten fasziniert?
Die Zeit mit ihm war echt lustig. Antoine ist durch und durch ein begeisterter Kletterer, das hat mir gefallen. Fasziniert hat mich, dass er Künstler ist und dies voll und ganz lebt.

Wie hast du die Kletterei in »La Rose« empfunden? Hat sie dir gefallen?
Die Kletterei in »La Rose« ist sehr kraftvoll, was eigentlich meinem Kletterstil entspricht. Schade ist, dass künstliche Griffe vorhanden sind bzw. »nachgeholfen« wurde. Allerdings sollte man das im zeitlichen Kontext sehen; damals war dies in Buoux einfach gängige Praxis.

Wie lange hast du gebraucht? Was ist dir am schwersten gefallen?
Insgesamt habe ich vier Tage am Stück daran gearbeitet. Am dritten Tag konnte ich schon sehr gute Versuche machen, deshalb bin ich dann am Tag der Abreise in der Früh nochmal hin und konnte die Route dann klettern. Für mich gab es zwei harte Passagen: Am schwersten fiel mir der Zug über die Dachkante, da er sehr weit für mich ist. Ausserdem war der Zug nach dem Kreuzzug schwer; da musste ich aufpassen, dass ich den Kreuzzug-Griff, von dem man wegzieht, richtig einsortiere.

Wie würdest du die Kletterei in »La Rose« charakterisieren? Auch im Vergleich zu den »aktuellen« schweren Routen?
Kurz und knackig – das charakterisiert die Tour meiner Meinung nach am besten. Es kommt darauf an, mit welchem Gebiet man die Tour vergleicht. Mit Oliana in Spanien zum Beispiel wäre es schwer, da dort die Routen sehr lang sind. Mit Margalef oder ansatzweise dem Frankenjura könnte man es wahrscheinlich am besten vergleichen.

Was sagst du zur Bewertung? Wie würde die Route heute bewertet werden?
Ich denke die Bewertung passt so; ich persönlich würde die Route heute gleich bewerten.

Warum glaubst du, dass Buoux heute bei den Kletterern nicht mehr »in« ist?
Vielleicht liegt es an der technischen Kletterei, die heute nicht mehr so gefragt ist. Ich habe es aber genossen, dass nicht 300 Zelte wie vor 30 Jahren – Antoine hat mir das erzählt – im Tal standen, sondern dass wir ganz allein sein konnten, also zu sechst und das nur wegen mir.

Erstbesteiger Interview Antoine Le Menestrel:

Wie hat alles angefangen?
Wir kamen aus der Gegend von Paris in den Süden, nach Buoux und in die Verdonschlucht. Dort waren die Troussier-Brüder, Patrick Berhault und Patrick Edlinger die Stars. Sie nannten uns »Le Gang des Parisiens«, das waren Laurent Jacob, JB Tribout, Fabrice Guillot mein Bruder Marc und ich. Wir waren über die Massen fürs Klettern motiviert!

Seid ihr auch in andere Klettergebiete gereist?
Aus den Fachmagazinen wussten wir, dass es in England Jerry Moffat und Ben Moon, in Deutschland Kurt Albert und Wolfgang Güllich gab. Als die legendäre John-Bachar-Route »Chasin’ the trane« on sight geklettert wurde, sind JB und ich ins Frankenjura gefahren, um sie auch zu machen. Es ging nicht um einen Wettbewerb, wer besser ist, sondern darum, es ebenfalls zu machen. Durch die Wiederholung solcher Routen wurden wir von den Erstbegehern inspiriert und motiviert, es gab uns neue Kraft, um eigene Projekte zu realisieren.

Was hältst du persönlich von Kletterwettbewerben?
Da habe ich wirklich Probleme, immer besser sein zu müssen als die anderen. Ich finde
Kletterwettkämpfe veraltet und einen Anachronismus. Mein Bruder und ich unterzeichneten bereits 1985 das »Manifeste des 19« (ein Manifest in dem sich 19 der besten französischen Kletterer gegen Kletterwettkämpfe aussprachen; Anm. der Red.), weil wir einen Wert des Wetteiferns anstelle des Wettkampfs entwickeln wollten. Der Wunsch nach Kletterwettbewerben entstand nicht bei uns Kletterern, sondern in Verbänden und bei den Magazinen. Wir fürchteten, unsere Freiheit und unsere Geisteshaltung zu verlieren und forderten auf zum Nachdenken. Ausser Edlinger und Berhault, die vom Klettern lebten, waren wir ja alle Amateure und hatten keinerlei finanziellen Gewinn durch das Klettern. Ich war nicht dazu bereit, meine ganze Energie darauf zu verwenden, der Beste zu sein. Deshalb habe ich meine Kreativität in die Eröffnung von Routen an künstlichen Wänden konzentriert.

Wie hast du »Le Bout du Monde« eigentlich entdeckt?
Das war, als wir am Einstieg der Route »Fissure Serge« einen Baum umgesägt hatten, um sie frei klettern zu können. Da sah ich zum ersten Mal diesen magischen Ort und war sofort gefangen von seinem Zauber. Ich habe diesen Platz »Le Bout du Monde » genannt, weil ich mich eine Zeitlang dorthin zurückgezogen habe, quasi wie ein Eremit. Ich wollte mich aus dieser Welt herausnehmen, ich wollte diesen ganzen Starrummel nicht, der nur dem Ego diente. Ich hatte einige sportliche Leistungen gebracht, die Stars der Kletterszene waren wie schwarze Löcher in der Vermarktung durch die Medien. Ich habe versucht, mich beim Klettern mit Meditation und der Lektüre von mystischer Literatur weiterzuentwickeln. Ich wollte mich vom Leistungsgedanken entfernen, um ein poetisches Klettern zu erfinden.

Und dann kam »La Rose et le Vampire«?
»La RoseO« ist die wichtigste Route in meinem Leben. Sie hat mich verändert, sowohl meine Art zu klettern als auch mein weiteres Leben. Zuvor habe ich mich durch den Fels inspirieren lassen, von einer kletterbaren Linie. Hier aber wollte ich eine Route machen, die absolut an meinem Limit war. Ich wollte meine Bewegungsideen auf den Fels übertragen und meine Kreativität realisieren, deshalb habe ich auch Griffe modelliert. Es war die letzte Route, in der ich das tat. Danach habe ich vor allem Routen an Kunstwänden gebaut.

Was bedeutet »La Rose<« für dich persönlich?
»La RoseO« hat in mir den Künstler geweckt! Meine persönlichen Vorstellungen von ausgefallenen Kletterbewegungen konnte ich hier verwirklichen. Die Realisierung des Kreuzzugs im unteren Teil der Route hat mir unendlich viel Energie und Motivation gegeben, »La RoseO« hat mich zum Künstler werden lassen. Ich habe bald darauf aufgehört, schwierige Routen zu klettern und mich der Kunst und der Poesie verschrieben.

Aber du hast doch weiterhin schwer geklettert?
Ja, 1986 habe ich noch »La Ravage« im Basler Jura eröffnet, eine der ersten 8c-Routen überhaupt und »Il etait une Voie« in Buoux, die ebenfalls 8c ist. Aber dann habe ich nur noch Routen an Kunstwänden gebaut, wo ich meine eigenen Ideen von Kletterbewegungen verwirklichen und meine ganze Bewegungskreativität ausdrücken konnte.

Was würdest du den Kletterern von heute noch sagen wollen?
Konsumiert weniger, seid kreativer! Heute wird das Klettern nur noch konsumiert; man geht in die Halle, draussen werden Routen wiederholt. Ich habe das Gefühl, dass sich die Kletterer kaum mehr fragen was sie tun können, um das Klettern weiterzubringen. Das ist hoffentlich nur eine Periode, ich wünsche mir, dass der innovative Geist beim Klettern zurückkommt. Der Anna hatte ich gesagt, sie soll Liebe machen mit dem Fels, es ist wichtig zu atmen, ganz aufzugehen im Klettern und in der Bewegung.

Quelle: Mammut

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