News – Mammut Project Reclimbing the Classics Episode 4 – The Face 8a+, Schellneckkopf, Altmühltal (DE)


 
08.07.14
 

Das Gesicht ist ein Spiegel der Seele – sagte einmal ein kluger Mensch. Ob das Gesicht, das sich in den lichten Wäldern des Altmühltales versteckt, die Seele des südlichen Frankenjuras widerspiegelt? Zumindest beobachten die beiden Augen schon seit vielen Jahrtausenden das Treiben im Tal …

Episode 4 – The Face 8a+, Schellneckkopf, Altmühltal (DE)

»Punkt, Punkt, Komma, Strich – fertig ist das Mondgesicht …« – so einfach geht’s im Kinderreim. Aber mit dem »Gesicht« am Schellneckkopf war’s etwas schwieriger: »Punkt, Punkt …« – die Augen, und noch ein Punkt etwas tiefer – die Nase! Frühjahr 1983: Die beiden Nürnberger Boulderer Norbert »Flipper« Fietz und Norbert Bätz staunen unter dem Schellneckkopf nicht schlecht über die Fels gewordene Begrifflichkeit »unmöglich«. Eine unten leicht überhängende, oben senkrechte Beton-Glattstrichmauer, garniert mit einigen verstreuten Löchern und ziemlich weit oben die drei Fingerlöcher, die dem Projekt seinen Namen geben sollten – eine neue Herausforderung für »Flipper«, der immer wieder Probleme suchte, die andere als unkletterbar bezeichneten und die er dann diesen zum Trotz meistens auch löste. Nach einigen Tagen im Toprope waren die Bewegungsprobleme gelöst, die Einzelzüge geklettert und ein Name gefunden: »Das Gesicht« … Der Durchstieg, geschweige denn der Vorstieg interessierten »Flipper« nie – Hauptsache, er hatte das Schachproblem, das ihm der Fels stellte, zugweise gelöst; nebenbei gesagt: »Flipper« war auch ein ganz hervorragender Schachspieler …

Und dann kam Jerry! Mit bürgerlichem Name Jeremy Moffatt aus Sheffield – und mischte im Jahr 1983 die europäische Kletterszene gewaltig auf! Wo er auftauchte, kletterte er die schwierigsten Routen – meist on sight, und wenn nicht, dann mit nur ganz wenigen Versuchen. Wolfgang Güllich hatte ihn nach Oberschöllenbach eingeladen – in die legendäre Kletterer-WG um Kurt Albert, Norbert Sandner, Norbert Bätz und Ingrid Reitenspieß. In der Fränkischen wiederholte Jerry nicht nur die schwierigsten Routen von Wolfgang und Kurt Albert, sondern löste auch gleich ein altes Toprope-Problem von »Flipper« Fietz, den gewaltigen Felsüberhang namens »Ekel« im Trubachtal – und es gab die erste IX+ in Deutschland.

Aber Jerry war ein rechter Nimmersatt und wollte mehr! Also fuhr Wolfgang mit ihm ins Altmühltal, zeigte ihm das »Flipper«-Projekt »Gesicht« und Jerry war begeistert von dem senkrechten, glatt-abweisenden Felspfeiler am Schellneck. Nachdem er sich über die Route abgeseilt, die Griffe geputzt und die notwendigen Bohrhaken gesetzt hatte, gab es kein Halten mehr. Über abschüssige Fingerlöcher hinauf zum Untergriffquergang, dann weite Züge zu einem großen Loch und schließlich hin zum »Gesicht«. Die Sequenzen rund ums »Gesicht« machten Jerry am meisten zu schaffen. Immer wieder stürzte er ins Seil – ablassen zum Boden. Ein Ausbouldern aus dem Hängen im Seil (= hangdogging) war nach den englischen Kletterregeln streng verpönt – the devil is a hangdogger! Der »Jo-Jo Style« erlaubte allerdings, das Seil im höchsten erreichten Haken hängenzulassen und bis zur Sturzstelle toprope zu klettern; aber jeder weitere unbekannte Meter wurde zu einem neuen On-sight-Problem. Am zweiten Tag war Jerry schon fast am Ausstieg – da schnitt ihm ein messerscharfes Einfingerloch einen tiefen Cut in den Finger: Sturz und Schluss!

Nach zwei Wochen war zwar der Finger verheilt, aber keiner aus der WG wollte mehr mit Jerry ins Altmühltal zum »Gesicht« fahren. »Es war einfach zum Heulen!«, erinnert er sich heute daran. Schließlich erbarmte sich Chris Gore, ein Freund von Jerry aus England, der ebenfalls in Oberschöllenbach zu Besuch war, und fuhr mit Moffatt ans »Gesicht«. Ob er es im ersten oder im zweiten Versuch schaffte, daran kann sich Jerry heute nicht mehr erinnern – nur daran, dass es eigentlich kein großer Deal mehr war. Als er die Umlenkung clippte, wurde aus dem Gesicht »The Face« – die erste Route im Schwierigkeitsgrad X– in Deutschland. Jerry konnte beruhigt zurück nach England fahren, denn seine Duftmarken hatte er unübersehbar in der Fränkischen hinterlassen.

Dass »The Face« ein wirklich hartes Brett ist, bestätigt die Mammut-ProTeam-Athletin Barbara Bacher – bei ihren Versuchen im Januar war es zwar zu kalt für einen Durchstieg, aber sie betont, dass es sich um eine knallharte 8a+ handelt: »Ich habe schon viel leichtere Routen in diesem Schwierigkeitsgrad geklettert.« Aus Vogelschutzgründen ist der Schellneckkopf zwischen Februar und Juni gesperrt – deshalb wartet Babsy nun auf den Herbst – viel Erfolg für den Durchstieg! Die beiden Augen in der Wand am Schellneckkopf jedenfalls halten Ausschau nach ihr …

Interview Mammut Pro Team Athletin Babsy Bacher

Wie würdest du »The Face« charakterisieren? Vor allem im Vergleich zu den derzeit »aktuellen« schweren Routen?
Es ist eine schöne, technisch anspruchsvolle Wandkletterei an positiven Löchern und Leisten und mit ausgesprochen schlechten Tritten. In der heutigen Zeit geht es oft nur noch um »extrem und schwierig«; da wird eine X– manchmal belächelt. Aber ganz ehrlich – da braucht sich »The Face« nicht zu verstecken, an dieser Route kann man sich ganz schnell mal die Zähne ausbeißen.

Jerry hat die Route damals mit X– bewertet, was einer soliden 8a+ gleichkommt; was meinst Du dazu?
Ich glaube, in den 1980ern hat man die Routen lieber härter als zu leicht bewertet. Aber das ist immer Ansichtssache – für mich ist es eine schwierige Route, und ich bin mit Sicherheit schon leichtere X– geklettert!

Auf Grund des schlechten Wetters bist du »The Face« nur mit Ruhen geklettert; kommst du nochmals zurück, um die Route rotpunkt zu machen?
Ja, ich möchte die Route gern heuer nochmals versuchen und auch klettern. Ab 1. Juli ist es wieder erlaubt, an diesem Fels zu klettern. Ich weiß noch nicht genau, wann ich das Altmühltal wieder besuchen werde. Auf jeden Fall werde ich es mit den Wetterbedingungen und den Weltcupterminen abstimmen müssen. Und bei um die Null Grad bleibe ich das nächste mal zu Hause!

Warum willst Du die Route rotpunkt machen? Was ist das Besondere an dieser Route?
Das ist eine gute Frage die du locker jedem Kletterer stellen kannst. Wenn mir eine Route
gefällt und sie sich für mich kletterbar anfühlt, dann ist es ganz einfach – dann will man das Ding einfach machen um das eigene Limit zu pushen. Und dann ist » The Face« für mich ein Stück Klettergeschichte, das als schlafendes Dornröschen darauf wartet, geweckt beziehungsweise geklettert zu werden.

Was hältst du als junge Sportkletterin von der alten anglo-amerikanischen Taktik des »Jo-Jo«-Stils?
Ja, das ist schon ein bisschen lustig. Jerry hat es mir erst einmal erklären müssen. Aber was ein richtiges on sight und wirklich rotpunkt in der heutigen Zeit ist, darüber kann man ja immer noch philosophieren 😉

Was hat Dich an Jerry, den Du in England getroffen hast, am meisten beeindruckt?
Ja, da hört man ja immer so Storys. Auf alle Fälle ist er ein sehr ehrgeiziger Mensch, der genau weiß, was er will. Und er ist ein verdammt lustiger Typ! Ich finde es ein bisschen schade, dass er nicht mehr klettert.

Hattest Du vor dem Mammut-Projekt »Reclimbing the Classics« schon von »The Face« gehört? Welchen Stellenwert hatte diese Tour für Dich?
Ich hatte zwar schon mal von der Route gehört, aber wenn ich ganz ehrlich bin, so habe ich nach der Einladung zu »The Face« zuerst mal gegoogelt. Für mich ist diese Route eine Herausforderung, die ich gerne annehme, denn sie ist ein Meilenstein in der Geschichte des Klettern.

Erstbesteiger Interview Jerry Moffat

Wann hast du mit dem Klettern angefangen?
Ich begann mit 15 das Klettern, und als ich mit 17 mit der Schule fertig war, hatten meine Eltern eigentlich erwartet, dass ich eine Ausbildung mache. Aber ich bin dann nur noch zum Klettern gegangen, sozusagen als Vollzeitkletterer.

Wie bist du darauf gekommen, »The Face« zu probieren?
Ich wohnte damals in Oberschöllenbach in der WG von Wolfgang Güllich und Kurt Albert. Der fränkische Boulderer Flipper Fietz hatte »The Face« entdeckt – so wie viele andere Routen in der Fränkischen Schweiz auch. Aber Flipper war nicht am Durchstieg interessiert; wenn er alle Züge klettern konnte, dann war für ihn die Route gemacht. Es gab eine Menge solcher Projekte in der Fränkischen – Wolfgang hat mir eine Reihe davon gezeigt, so auch »Ekel« im Trubachtal, die ich recht schnell klettern konnte, die erste IX+ im Frankenjura. Und dann eben »The Face«, das von Flipper »Das Gesicht« genannt wurde. Wolfgang hat mich ins Altmühltal mitgenommen, denn er hatte dort ebenfalls ein Projekt, an dem er arbeitete.

Wie lange hast Du für die Erstbegehung gebraucht?
Eigentlich hätte ich sie schon am zweiten Tag klettern können. Aber nach dem »Face-Move« hab’ ich mir den Finger aufgerissen und konnte längere Zeit nicht mehr klettern. Und als der Finger endlich verheilt war, wollte niemand mit mir ins Altmühltal fahren. Es war der pure Alptraum – ich wusste, ich kann die Route klettern und niemand geht mit zum Sichern! Dann, zwei Tage vor meiner Abreise aus Deutschland, war zufällig Chris Gore, ein Freund aus England, in Oberschöllenbach. Der hatte einen Führerschein, und Wolfgang lieh uns sein Auto, so dass wir an den Schelleneckpfeiler fahren konnten, und ich kletterte die Route im ersten oder zweiten Versuch. Zurückblickend muss ich aber auch sagen, dass wir damals den sogenannten »Jo-Jo«-Stil praktizierten. Wir kletterten nicht rotpunkt, sondern ließen uns nach einem Sturz wieder zurück auf den Boden, und das Seil blieb im letzten Haken.

Was waren denn genau die Regeln des »Jo-Jo«-Stils?
Wie schon gesagt – nach einem Sturz musst du dich sofort zurück auf den Boden lassen. Du darfst auch nicht im Seil hängend die nächsten Züge probieren. Aber das Seil bleibt im letzten Haken hängen. So wird jeder neue Vorstiegsmeter zu einer Art on sight – aber das Ergebnis war, dass man die Routen oft toprope bis zum letzten Haken geklettert ist. Rotpunkt ist da sicher viel anstrengender!

Was glaubst du, ist der Hauptunterschied im Klettern zwischen den frühen 1980er Jahren und heute?
Der Hauptunterschied ist, glaube ich, dass wir damals längst nicht so viel Zeit in eine Route investiert haben. Ich brauchte insgesamt drei Tage für »The Face«, und das war die längste Zeit, die ich jemals in eine Route investiert habe. Und es war für mich auch ein Zeichen, dass die Route richtig, richtig schwer war. Normalerweise gingen wir einen Tag an eine Route, und meistens hatten wir sie dann in der Tasche. Wochen oder gar Monate hätte damals niemand in ein Projekt investiert! Ein weiterer Unterschied war, dass es viel weniger Kletterer gab. Unter der Woche hast du praktisch nie andere Leute an den Felsen getroffen; ich erinnere mich, dass ich während meines ersten Frankenjura-Besuchs, der ungefähr vier Wochen dauerte, nie einen anderen Kletterer an den Felsen getroffen habe.

Du warst oft Gast in der legendären WG in Oberschöllenbach; erzähl’ doch ein bisschen davon!
Es war eine phantastische Zeit! Wolfgang hatte mich zu sich eingeladen und ich traf Kurt und ihn, sie waren, meine ich, damals in Deutschland die einzigen, die nichts anderes taten als zu klettern. Es war einfach überwältigend, diese Gastfreundschaft. Wolfgang hatte damals gerade ein großes Motivationsloch und ist fast nichts geklettert. So fuhr er mich fast jeden Tag in die Fränkische an irgendeinen Felsen, zeigte mir seine Route und sagte: »Versuch’ diese!« oder »Probier’ doch diese!« Und es gab keinen Neid, wenn ich seine schwersten Routen on sight klettern konnte. Ich hatte sogar das Gefühl, dass es ihn echt freute! Stell’ dir das heute vor: Du lädst einen sehr guten Kletterer aus Deutschland nach England ein und der klettert die schwersten Routen des Landes on sight – grrrrrr! Nein, es war eine wunderbare Zeit mit Wolfgang und Kurt und den anderen!

Du warst auch im Frankenjura, als Wolfgang »Action Directe« geklettert ist? Ja, ich war damals in Deutschland. Ich ahnte aber nicht, wie schwer die Route eigentlich war! Ich erinnere mich nur daran, dass mir Wolfgang erzählte, dass er an einer neuen Route arbeitet, die schwerer sei als alles, was er bisher gemacht hatte. Mit Wolfgang war das ganz komisch; manchmal hat er zwei Monate überhaupt nicht geklettert, und plötzlich war er wieder motiviert, wenn er ein neues Projekt hatte. Da trainierte er wie besessen, hielt streng Diät und kletterte wie verrückt. So war es auch vor »Action« – ich erinnere mich, dass er so mager war wie noch nie vorher. Und ich weiß noch, dass er immer wieder über Schmerzen in den Fingern geklagt hat; bei »Action« war es wirklich auf Messers Schneide, ob er die Tour schafft oder nicht. Aber das Erstaunlichste an Wolfgang war, dass er sich niemals aufwärmte. So fuhr er mit dem Auto zur »Action«, ging zum Einstieg, band sich ein und kletterte los, machte den Einstiegssprung und setzte einen Rotpunkt-Versuch – total kalt und unaufgewärmt. Es war unglaublich! Ohne Aufwärmen einsteigen, losklettern und erst oben im Quergang rausfliegen, echt unglaublich! Ja, das sind gute Erinnerungen …

Du bist einige Jahre sehr erfolgreich Wettkämpfe geklettert; warum hast du damit aufgehört?
Als ich Wettkämpfe geklettert bin, hat es mir anfangs durchaus Spaß gemacht. Aber diese Wettkämpfe damals waren echt zäh, du musstest deine Ausgaben selber bezahlen und die Veranstalter haben sich kaum um die Kletterer gekümmert. Manchmal bist du den ganzen Tag in der Isolation gesessen, bis du endlich klettern durftest. Beim letzten Wettbewerb, an dem ich teilgenommen habe – es war 1990 in Arco –, saß ich ab acht Uhr morgens in der Isolation und durfte erst um elf abends klettern! Das war einfach fürchterlich, und ich war ausgebrannt So hab’ ich aufgehört Wettkämpfe zu klettern, bis vielleicht neue Motivation dafür zurückkommt. Aber die Motivation für Wettkämpfe kam nie mehr zurück – und das war’s dann (lacht!)

Und vor ungefähr vor zehn Jahren hast du mit dem Klettern aufgehört; warum dies?
Als ich etwa 40 war, habe ich mich allmählich aus dem Klettern zurückgezogen. Ich hatte ja alles gemacht, was ich machen wollte und konnte. Es war schwierig, neue Motivation aufzubauen. Ich habe dann andere Dinge gemacht, einige Grundstücke gekauft, das hat viel Zeit gekostet. Und wenn du nicht ständig kletterst, ist es frustrierend zu sehen, wie schnell du schlecht kletterst. Es gab so viele andere Dinge, die ich nicht machen konnte, als ich noch geklettert bin. Und diese Dinge mache ich heute. Surfen ist eine meiner großen Leidenschaften geworden! Und dann spiele ich gerne Golf und mag Tontaubenschießen – es muss ja nicht immer nur Klettern sein …(lacht!)

Quelle: Mammut

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