News – Mammut Project Reclimbing the Classics Episode 6 – „Hubble“, 8c+, Raven Tor, Peak District (GB)


 
12.09.14
 

Was haben ein Weltraumteleskop und eine Felswand im Peak District in England gemeinsam? Nicht nur, dass beide einem Hohlspiegel ähneln – nein, beide hören auf den Namen »Hubble«. Nun ja, die Felswand nicht ganz – aber es gibt dort eine Route, die den Namen »Hubble« trägt und zu den berühmtesten Kletterrouten von Großbritannien zählt.

Episode 6 – „Hubble“, 8c+, Raven Tor, Peak District (GB)

Rabenfelsen gibt es viele – wen wundert’s, da Raben doch gerne in hohen, freistehenden Felswänden nisten. Es sei nur an jenen Rabenfels im Frankenjura erinnert, an dem Wolfgang Güllichs (schon wieder dieser Güllich!) »Ghettoblaster« (8b) aus dem Jahr 1986 einen Meilenstein darstellt. Auch im Peak District in England gibt es einen Rabenfels – nur dass dieser »Raven Tor« (Tor = engl. für schroffer Fels, kahler Hügel) heißt und auf Grund seiner Lage direkt über der Straße zwischen Buxton und Tideswell heutzutage von Raben eher gemieden wird. Ganz im Gegensatz zu den Raben sammeln sich die Sportkletterer seit über 30 Jahren in Scharen am Raven Tor – zählt der bis 35 Meter hohe Felsabbruch doch zu den berühmtesten Kletterzielen nicht nur in der Grafschaft Derbyshire, sondern in ganz Großbritannien.

Als »young hot shot« Ben Moon, gerade mal 23-jährig, im Jahr 1989 zum ersten Mal die Route »Hubble« probierte, wusste er noch nicht, was er sich damit antun würde. Die Routenlinie existierte bereits, allerdings wurden die beiden ersten Bolts in hakentechnischer Kletterei überwunden – und diese ersten Meter frei zu klettern, war die große Herausforderung. Zwei Dächer, scheinbar griff- und trittlos – aber nur scheinbar! Es gab Seit- und Untergriffe, alle winzig-klein – und noch dort, wo man sie eigentlich gar nicht brauchen konnte: ein komplexes Boulderproblem, bestehend aus neun Zügen, glattem Fels und schmerzhaften Leistchen.

Im Jahr 1989 hatte Ben die Franzosen geschockt mit seinen Erstbegehungen »Acincourt« (Buoux) und »Maginot Line« (Volx), die damals die schwierigsten Kletterrouten in Frankreich – und nicht nur dort – waren. Aber die Züge von »Hubble« aneinanderzureihen, war ein ganz anderes Kaliber! Ben schaffte zwar die Einzelzüge, aber an Rotpunkt war noch lange nicht zu denken. Also musste an der Maximalkraft gearbeitet werden. Ben baute sich in seinem Keller die Einzelzüge der Route nach, trainierte sie immer und immer wieder – zusammen mit seinem Freund Jerry Moffatt und einem jungen schottischen Klettern namens Malcolm Smith. Dies war die Geburtsstunde des Moonboards, einer künstlichen Kletterwand für Boulderer mit einem ganz engen Schraubraster und verstellbarer Neigung – heute eines der Standbeine von Ben Moons Firma »Moonclimbing«. Ob sich Ben bei der Konstruktion vom legendären Campus Board inspirieren ließ, das Wolfgang Güllich (schon wieder dieser Güllich!) ersonnen hatte, um gezielt auf seine schwierigen Erstbegehungen im Frankenjura zu trainieren, kann nicht bewiesen, darf aber durchaus vermutet werden – schließlich hat der Autor dieser Zeilen Ben persönlich an Güllichs Campus Board gesehen …

Nun brauchte es nur noch optimale Bedingungen am Raven Tor! Dazu ist bei dem wechselhaften Wetter in Derbyshire viel Geduld nötig. Dann, im Juni 1990, waren die Bedingungen endlich brauchbar – es war trocken und kühl, und der Fels hatte den notwendigen »grip«. Eigentlich hätte sich Ben ein grandioses Geburtstagsgeschenk machen können, bevor er am 12. Juni – die schwierigsten Züge hatte er bereits alle geklettert – am dritten Bohrhaken mit einem lauten Schrei aus der Wand kippte. So wurde sein 24. Geburtstag zum Ruhetag – richtig gefeiert hat Ben allerdings erst am Tag danach: Da gelang ihm der lang ersehnte Durchstieg von »Hubble«, seiner schwierigsten Kletterroute überhaupt, die er nach insgesamt acht Tagen punkten konnte. Die Kletterwelt hatte ihre erste 8c+! Ben erinnert sich: »Diese Route war um so vieles schwerer als alles, was ich bisher gemacht hatte, dass ich ›Hubble‹ mit E9/7b bewertet habe. Das war vermutlich die erste Route in England, die mit den technischen Grad 7b eingestuft wurde.«

Dass »Hubble« verdammt hart ist, zeigt die Tatsache, dass es ein Jahr dauerte, bis die erste Wiederholung glückte – und dies durch Malcolm Smith, diesem gerade einmal 19-jährigen Schotten, der schon mit Ben Moon an der Route gearbeitet und trainiert hatte. Und dass bis heute nur noch drei weitere Kletterer – John Gaskins, Steve Dunning und Steve McClure, übrigens allesamt Briten – die komplexen neun Züge zu einer Rotpunkt-Begehung von »Hubble« aneinanderreihen konnten, zeigt eindrucksvoll, dass diese Route einer der großen Meilenstein in der Geschichte des Sportkletterns ist. Noch beeindruckender allerdings ist die Tatsache, dass Leute wie Adam Ondra oder Alexander Megos – beide sicher keine »kleinen Lichter«, wenn es um komplexe Boulderprobleme und Höchstschwierigkeiten geht – an »Hubble« scheiterten. Ben Moon meint rückblickend, dass Güllichs »Action Directe« aus dem Jahr 1991, die erste Route, die mit 9a bewertet wurde und die Ben 1992 versucht hatte, an der er wegen einer Verletzung aber knapp scheiterte, durchaus mit »Hubble« auf Augenhöhe stehen könnte – und mit dieser Meinung steht er nicht allein. Auch Mammut-Athlet Sean McColl tat sich schwer bei seinen Versuchen, »Hubble« zu klettern – die Verhältnisse waren allerdings suboptimal und die Zeit, die ihm zur Verfügung stand, war knapp. So dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis Sean erneut unter dem Rabenfels stehen wird, um »Hubble«, diese einzigartige Route durchzusteigen …

Interview Mammut Pro Team Athlet Sean McColl

Wie würdest du »Hubble« als Kletterei charakterisieren – vor allem im Vergleich zu den modernen harten Routen?
»Hubble« ist härter als die meisten modernen Routen im gleichen Schwierigkeitsgrad, weil es sich in »Hubble« um solch harte Einzelzüge handelt. Die meisten modernen Routen sind sehr lang und sehr ausdauernd. »Hubble« ist dagegen ist nichts anderes als ein Boulderproblem mit Seil – und kein leichtes!

Ben hatte »Hubble« mit 8c+ bewertet; was meinst du dazu?
Im Jahr 1990 hat Ben die Grenzen des Kletterbaren verschoben, so dass 8c+ mehr als gerechtfertigt war. Heute sind die Einzelzüge vielleicht noch etwas schwerer geworden, aber der Grad 8c+ von »Hubble« hat einfach für alle Zeiten Symbolcharakter.

Du konntest »Hubble« nicht rotpunkt klettern; ist es eine Herausforderung für dich nochmals zurückzukommen um die Route als erster Nichtbrite zu klettern?
Ich würde wirklich gerne zurückkommen und die Route bei besten Bedingungen punkten. Aber es ist mir egal, ob ich der erste Nichtbrite wäre! Ich möchte nur ein großes Stück Klettergeschichte rotpunkt klettern.

Was ist so außergewöhnlich an »Hubble«, dass es erst vier Wiederholungen seit 24 Jahren gibt?
Die Züge sind sehr schwer auszubouldern! Du musst den Körper immer ganz nah am Fels halten, so dass es kaum möglich ist, aus dem Hängen zu starten. Und es ist schwierig, optimale Bedingungen zu finden. Es muss kalt sein, trocken und der Fels sollte grip haben. Alle diese Dinge zusammen bei diesem Wetter in England vorzufinden, ist nicht leicht…

Hast du vor der Mammut-Aktion schon von »Hubble« gehört? War es für dich ein Ziel, diese Route zu klettern?
Da ich aus der amerikanischen Kletterszene komme, hatte ich vorher tatsächlich noch nichts von »Hubble« gehört. Aber als mir das Projekt vorgestellt wurde, hab’ ich mich sofort darüber informiert. Und ich war sehr glücklich über das, was ich fand. Die Route ist verdammt schwer, fordert vollen Einsatz und hat als erste 8c+ auf dieser Erde Kultstatus!

Du hast Ben zum ersten Mal getroffen; was hältst du von ihm? Was hat dich am meisten an ihm beeindruckt?
Es war einfach großartig, eine solche Kletterlegende persönlich zu treffen! Als Kind hörte ich bereits Geschichten über ihn, aber weil er meistens in Europa kletterte, hatte ich nie die Gelegenheit ihn zu treffen. Ben ist ein cooler, bescheidener und zielstrebiger Mensch. Nachdem ich einige Klettervideos von früher mit ihm angeschaut hatte, war es nun wirklich beeindruckend, diesen Menschen persönlich zu treffen und das Gefühl zu haben: »Ja, das ist der gleiche Typ, den du im Video bewundert hast«.

Erstbesteiger Interview Tony Yaniro:

Als du 1990 »Hubble« geklettert und mit E9/7b bewertet hast, was heute einer 8c+ entspricht, hast Du da eigentlich schon gewusst, was du da abgeliefert hast?
Im Jahr zuvor hatte ich schon einige 8c-Routen in Frankreich geklettert. Ich wusste schon, dass »Hubble« viel schwerer war als meine bis dahin schwierigsten Routen wie »Acincourt« oder »Maginot Line«. Deshalb gab ich der Route E9/7b, und es war die erste Route in Großbritannien, die mit dem technischen Grad 7b bewertet wurde (Anm.: Das englische Bewertungssystem gibt mit dem E-Grade die Gesamtanforderung und mit dem technischen Grad die schwierigste Einzelstelle an). Wie schwer eine Route dann letztendlich wirklich ist, stellt sich erst im Laufe der Zeit heraus.

Heute gilt »Action Directe« als erste 9a; aber manche munkeln, dass »Hubble« vielleicht in der gleichen Liga spielt? Du hast »Action Directe« probiert …
Heute würde ich sagen, dass »Hubble« durchaus im gleichen Grad liegen könnte wie »Action Directe«, die ich 1992 probiert hatte. Ich habe »Action« zwar nicht durchsteigen können, war aber kurz davor. Es war damals sehr kalt, und ich zerrte mir die Finger bei einem Versuch so schlimm, dass ich einige Jahre Probleme mit Fingerlöchern hatte; das war auch der Grund, warum ich nicht noch einmal an »Action« gegangen bin. Vielleicht im nächsten Leben? (lacht)

Du hast Wolfgang ja ganz gut gekannt; was würdest Du nach 30 Jahren über ihn sagen?
Wolfgang war ein außergewöhnlich talentierter Kletterer, einer der weltbesten, der bahnbrechende Erstbegehungen auf der ganzen Welt hinterlassen hat – nicht nur harte Sportkletterrouten, sondern auch kühne Free Solos und lange Routen an den Bergen der Welt. Aber er war auch eine unglaublich großzügige und freundliche Persönlichkeit. Das erste Mal traf ich ihn 1984 in La Palud, als ich mit Jerry in Südfrankreich unterwegs war. Als er mein abgenutztes 9-Millimeter-Seil sah, das ich als Einfachseil benutzte, schenkte er mir spontan eines seiner neuen Seile. Das war Wolfgang, nicht nur ein großer Kletterer, sondern auch ein großzügiger lieber Mensch.

Du hast ja gezielt für »Hubble« trainiert und die Einzelzüge an deinen sogenannten »woodies« nachgebaut; waren diese »woodies« die Basis für die heutigen Moon Boards?
Ja, das Moon Board basiert auf den einfachen Kletterboards aus Holz, an denen wir in den 1990er-Jahren trainiert haben. Das Moon Board ist nach einem bestimmten Schema gebaut, das es möglich macht, jegliche Boulderprobleme mit Moon-Board-Besitzern irgendwo auf der Welt zu teilen. Ich find’ das eine wirklich coole Sache…

Du und Jerry Moffatt, ihr werdet oft im gleichen Atemzug genannt; weißt du noch, wann du ihn zum ersten Mal getroffen hast?
Ja, das weiß ich noch ganz genau! Es war in North Wales, ich hatte als junger Kerl alles über Jerry und über Ron Fawcett gelesen; Ron war der Held meiner Jugend, und Jerry war damals der »young hot shot«, der alles niederkletterte. Ja, es war am Pen Trwyn, einem Kletterzentrum damals. Ich ging die Landstraße hinauf und sah diesen Kerl dort oben im Seil hängen und herumschreien. Der Grund war, dass sein Freund Andy Pollitt ihn ordentlich verarscht hatte und ihm eine Route mit scharfen Griffen empfohlen hatte, obwohl er ihn nach einer Route für kaputte Fingerhaut gefragt hatte. Aber es war schon typisch für Jerry, dass er immer ein wenig herumgeschrien hat. Ja, das war unser erstes Zusammentreffen, und daraus wurde eine lange Trainings- und Kletterfreundschaft.

Habt ihr zusammen an »Hubble« trainiert?
Ja sicher! Und uns gegenseitig motiviert. Jerry war schon ziemlich nahe am Durchstieg, aber als ich das Ding dann gemacht hatte, verlor er wohl die Motivation, weiter zu probieren.

Wart ihr Konkurrenten?
Ich kenne Jerry nun seit 30 Jahren und wir sind gute Freunde. Als wir jung waren und schwer kletterten, trainierten und kletterten wir viel zusammen, aber es machte auch jeder sein eigenes Ding. Ich glaube, es war toll und inspirierend, einen solchen Trainingspartner zu haben, ähnlich wie der Sparringspartner im Boxen, denn das gibt den Antrieb, noch intensiver zu probieren. Ja, wir sind beide sehr ehrgeizig und hatten auch unsere Streitereien aber wir haben uns immer wieder zusammengerauft. Und am Ende des Tages ist eine tiefe Freundschaft wichtiger als das Klettern, finde ich.

Jerry war recht erfolgreich bei Kletterwettkämpfen; wie hast du das mit den Wettkämpfen gehalten?
Nun, Wettbewerbe haben mir schon Spaß gemacht, aber ich war nie richtig darauf fokussiert. Es hat mir viel mehr Spaß gemacht, an natürlichem Fels zu klettern, Routen rotpunkt zu klettern und zu bouldern, draußen zu sein.

Im Jahr 2006 hast du mit »Voyager + sit start« (FB 8b+) eine weitere »Duftmarke« hinterlassen; bisher ist dieser Boulder, der wohl schwierigste Boulder im Gritstone, noch nicht wiederholt worden; war das der erste Boulder im Grad 8b+?
Nein, denn »Hubble« als Boulder wäre sicher auch 8b+, und ich hatte in den 1990ern ein anderes Boulderproblem im Peak gelöst, das auch noch keine Wiederholung hat, der Sitzstart zu »Superman«, das sicher auch 8b+ ist. Trotzdem, »Voyager« ist verdammt schwer und hat ungezählte Versuche über zwei, drei Jahre gekostet. Die Griffe sind winzig und du kannst nicht viele Versuche am Tag machen. Zudem brauchst du beste Bedingungen. Einige gute Kletterer haben das Ding wohl schon probiert, waren aber wohl nicht fokussiert genug um es zu klettern.

Was würdest Du den jungen Kletterern noch sagen wollen?
Oh Gott, was für eine schwere Frage, weil es eigentlich so viel zu sagen gäbe. Zurückblickend, nachdem ich nun rasend schnell auf die 50 zugehe, kann ich nur sagen, dass das Leben sehr schnell dahin geht. Auch wenn es ein Klischee ist, kann ich nur sagen »Nimm den Tag!« Es ist nicht wirklich wichtig, wie schwer du kletterst, sondern wie sehr du dich dafür engagierst. Folge deinem Herzen und gib alles, was du hast. Denn du willst doch sicher nicht zurückschauen und bereuen müssen, dass du nicht mehr gegeben hast…

Quelle: Mammut

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