News – Mammut Von Tabu-Brechern und Grenz-Gängern – das Pojekt „Reclimbing the Classics …“


 
17.09.14
 

Der Schweizer Bergsporthersteller Mammut präsentiert sechs Rock Classics – Meilensteine in der Geschichte des Sportkletterns. Dazu die Erstbegeher, die zusammen mit Spitzenkletterern aus dem Mammut Pro Team nochmals ihre eigenen Routen besuchen.

Jung trifft Alt – obwohl zwei unterschiedliche Generationen, so sprechen doch beide die gleiche Sprache, denn die Leidenschaft fürs Klettern verbindet sie. Denn Klettern ist nicht nur Leistungssport, sondern auch ein Lebensgefühl!

Auf geht’s zu einer Reise in die Vergangenheit des Kletterns – in die 1980er-Jahre, als der X. Schwierigkeitsgrad geboren wurde.

Von Tabu-Brechern und Grenz-Gängern

Wer Grenzen überschreiten will, muss Regeln verletzen, Tabus brechen. Wer auf des Messers Schneide tanzt, kann abstürzen oder neue Dimensionen erreichen. Das Mammut-Projekt “Reclimbing the Classics“, das die rasante Entwicklung des Sportkletterns zwischen 1979 und 1991 Revue passieren lässt, zeigt Tabu-Brecher, Grenz-Gänger und Grenz-Überschreiter – und die Mammut-Athleten, die auf den Spuren der besten Kletterer jener Zeit unterwegs waren …

Es ist schon absurd: Da wird das Klettern, das vor allem mit und von Emotionen lebt, durch kalte Zahlen beschrieben! Schwierigkeitsgrade definieren sich in Zahlen – Zahlen sind Zeichen, Zeichen sind Marksteine. Marksteine markieren die zwölf Jahre, in denen das Klettern sich vom Grad X– bis zum Grad XI entwickelt hat. Aber Zahlen sind kalte Zeichen – hinter diesen Zahlen verbergen sich Geschichten und Emotionen voller Leidenschaft. Kletterer, die sich an ihre besten Tage erinnern, und solche, die ihre besten Tage vielleicht noch vor sich haben, trafen sich und tauschten sich aus – wir haben davon erzählt, von Emotionen und von Leidenschaften, in dem Projekt “Reclimbing the Classics“…

1979: 5.13b/c oder 8a – “Grand Illusion“:

Was tut ein kreativer Geist, wenn er von Barrieren eingeengt ist? Er sprengt die Ketten, die ihn daran hindern, das zu tun, was sein Traum ist. In diesem Fall brach Tony Yaniro das ungeschriebene Gesetz des kalifornischen Kletterns, dass das Einüben von Kletterstellen aus dem Hängen im Seil un“ethisch“ sei. Was hat der Begriff »Ethik« mit Klettern zu tun? Rein gar nichts, denn es ist ein philosophischer Begriff, und Klettern ist alles andere als Philosophie (auch wenn manche das immer noch glauben…). Tony’s Mut, sich über alle Regeln des kalifornischen Kletterns hinwegzusetzen, öffnete eine neue Dimension – das Tor zum X. Schwierigkeitsgrad. Und »Grand Illusion« blieb jahrelang die schwierigste Kletterroute auf der Welt – dank eines Tabu-Bruchs, der die Realisierung eines Traums erst ermöglichte …

1983: X– oder 8a+ – „The Face“:

Als Jerry Moffatt auf seinem ersten Europa-Trip unterwegs war und in namhaften Klettergebieten seine Duftmarken hinterließ, da fiel manchem “Local“ einfach nur die Kinnlade herunter. “Young Jerry“ flashte eine Route nach der anderen – ganz gleich, wie schwer sie bewertet war. Gut, manchmal brauchte er auch zwei oder drei Versuche, aber das Wort “unmöglich“ gab es für ihn scheinbar nicht. Und nachdem er die schwierigsten Routen in den Top-Gebieten wiederholt hatte, machte er Erstbegehungen – nein, nicht lange daran arbeiten, sondern ein paar Versuche und fertig! So geschehen mit “Ekel“ (IX+) und “The Face“ (8a+) im Frankenjura oder mit “Papi on sight“ (8a) in der Verdonschlucht. Jerry war ein Grenzgänger, der nicht lange zögerte. Und so war auch sein Kletterstil: kompromisslos – entweder/oder. Und deshalb zählt er auch zu den großartigsten On-Sight- Kletterern seiner Zeit – Marksteine sind On- Sight-Begehungen von “Phoenix“ (5.13a) im Yosemite Valley und von “Pol Pot“ (7c+) in der Verdonschlucht, beide im Jahr 1984.

1985: 8b oder X – “La Rose et le Vampire“::

Was Jerry Moffatt zwei Jahre vorher während seines Europa- Trips gelang, machte 1985 Antoine le Menestrel in England. Nicht nur, dass er die damals schwierigste Route – “Revelation“ (8a+, Raven Tor, erstbegangen von keinem Geringeren als Jerry M.) der Insel als erster wiederholte. Nein, paar Tage später kletterte er die Route auch noch free solo – die britische Kletterwelt staunte kopfschüttelnd über die tänzerische Eleganz von Antoine’s Kletterstil. Der Tänzer in der Vertikale scheute sich ebenfalls nicht, ein Tabu zu brechen. Bei der Erstbegehung von “La Rose et le Vampire“ “überbrückte“ er eine grifflose Wandpassage, indem er zwei Grifflöcher modellierte und den heute weltweit bekannten Kreuzzug mit dem Rücken zur Wand kreierte – nur wer Grenzen überschreitet, findet zu neuen Horizonten. Heute demonstriert Antoine mit seiner Tanztruppe Cie Lézards Bleus abstraktes Ballett in der Vertikalen – ein Grenzgänger, dem die Grenzen, die der natürliche Fels vorgibt, zu eng geworden waren …

1986: 8b+ oder X+ – “Hyaena“:

Man muss schon ein ausgeprägter Felsfanatiker sein, um sich eine Route als Ziel zu setzen, von der man anfangs kaum einen Einzelzug klettern kann. Und man muss bereit sein, seine ganze Kraft und seinen Willen komplett auf dieses Ziel auszurichten. Als Andrea Gallo Anfang Januar 1986 den grau-überhängenden Felspfeiler von “Hyaena“ am Massiv von Alveare entdeckt hatte, da drehte sich sein ganzes Denken nur noch um diese Linie. Einzelstelle für Einzelstelle boulderte er aus, scheiterte immer wieder an den winzigen Griffen, die schon nach wenigen Versuchen die Haut schmelzen ließ wie Wachs in der Sonne. Abwarten, bis die Fingerspitzen verheilt waren und die nächsten Versuche setzen. Und als dann alle Züge entschlüsselt waren, brannte die heiße Sommersonne auf den Pfeiler und ließ keine Versuche mehr zu; erst im Dezember glückte dann der Durchstieg. Man muss ein bisschen “verrückt“ im Wortsinn sein, um Grenzen zu überschreiten und neue Dimensionen zu finden – Andrea Gallo ist einer dieser Verrückten …

1989: 8c+ oder XI – “Hubble“:

Wer wäre denn berufen, etwas über »Hubble« zu sagen, wenn nicht der Meister selbst – Adam Ondra, der derzeit mit Abstand erfolgreichste Sportkletterer. Auf www.planetmountain.com schrieb er 2012 über die Touren, an denen er gescheitert ist – dazu gehört auch “Hubble“ – und es klingt so: „Die erste 8c+ weltweit könnte meiner Meinung nach auch leicht 9a sein. Es ist zwar nicht gerade die tollste Linie, eher ein Boulderproblem mit Seil und leichterem Ausstieg. Aber man muss zugeben, dass die Schwierigkeit für die damalige Zeit geradezu revolutionär war. Ich glaube, dass “Hubble“ auf keinen Fall leichter ist als “Action Directe“, die ein Jahr später als erste 9a der Welt eröffnet wurde. Ich versuchte die Route zwei Tage, das erste Mal 2010 nach dem Weltcup in Sheffield, und ich konnte keinen Einzelzug klettern, nicht einmal den mit den Untergriffen, an denen Malcolm Smith für ein Foto von Heinz Zak nachchalkte! Ein Jahr später, am letzten Tag eines England-Trips, arbeitete ich intensiv an den Einzelzügen und spürte, dank harten Campus-Board-Trainings in den Wochen zuvor, schon einen Fortschritt. Obwohl ich kurz vor dem Durchstieg war, scheiterte ich. Echt stark, diese Engländer!“ Wenn dies keine Ansage ist …

1991: XI oder 9a – “Action Directe“:

Eigentlich wurde über Wolfgang Güllich schon alles geschrieben, was es zu schreiben gibt. In fast jeder Episode von “Reclimbing the Classics“ taucht sein Name auf, denn er hat das Sportklettern in der Zeitspanne zwischen 1980 und 1992 geprägt wie kein anderer. Nachdem ihm 1983 die erste Wiederholung von »Grand Illusion« gelungen war, sprach er das erste Mal vom X. Schwierigkeitsgrad. Im Jahr darauf realisierte er mit »Kanal im Rücken« die weltweit erste Route im glatten Grad X (8b), 1985 folgte mit “Punks in the Gym“ (Mt. Arapiles, Australien) die Steigerung zur ersten 8b+ weltweit, 1987 kratzte Wolfgang mit »Wallstreet« (8c) am unteren XI. Grad, und über »Action Directe« braucht man keine Worte mehr zu verlieren. Ein Mann mit ungeheurer Kreativität, dem die Ideen nie ausgingen, der immer auf der Suche nach Neuem war. Ein Grenzgänger im Wortsinn: Man erinnere sich nur an seine Free-Solo-Begehungen von “Sautanz“ (IX–/7c) oder “Separate Reality“ (5.11d/VIII+). Und als es im Sportklettern nichts mehr zu holen gab, übertrug er seine Ideen vom Freiklettern auf die hohen Felswände im Karakorum – genannt sei nur die erste freie Begehung der Jugoslawenroute (VIII+) am Nameless Tower (6251 m). “Wen die Götter lieben, der stirbt jung…“ Das Zitat des griechischen Dichters Plutarch trifft kaum jemanden besser als Wolfgang Güllich, der am 31. August 1992 bei einem Autounfall ums Leben kam.

Epilog

1979 bis 1991 – das sind zwölf Jahre, in denen die Kletterschwierigkeiten vom Grad X– bis zum schier unglaublichen Grad XI geschraubt wurden. Die Classics des Sportkletterns, die in den sechs Episoden vorgestellt werden, sind Meilensteine, die die Handschrift ihrer Erstbegeher tragen – absolute Könner ihres Fachs und die besten Kletterer ihrer Zeit. Die Idee des Fotografen Rainer Eder, diese Legenden des Sportkletterns mit den Athleten des Mammut ProTeams zusammenzubringen, ergab eine faszinierende Melange aus Jung und Alt. Mancher der jungen Kletterer war noch nicht einmal geboren, als die Route eröffnet wurde, die er klettern wollte. Die berühmten Namen der Erstbegeher kannten die Jungen nur aus der Literatur. Und dann standen sie sich gegenüber vor der Kamera von Nico Falquet – die Jungen und ihre „Heroes“: Obwohl zwei unterschiedliche Generationen, so sprachen beide die gleiche Sprache, denn die Leidenschaft fürs Klettern verbindet sie. Klettern ist nicht nur Leistungssport, sondern auch ein Lebensgefühl. Die Reise in die Vergangenheit des Kletterns hat sich für alle gelohnt!

Quelle: Mammut

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