Portrait – Patagonia / „Field Testing Manager” Walker Ferguson Traumberuf Outdoor-Tester – das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Berge


 
26.02.15
 

Surfen auf Hawaii, Snowboarden in Chamonix, mit dem Rucksack durch Alaska oder Fliegenfischen in Russland – wovon viele Frischluftfreunde nur träumen können, ist für Walker Ferguson gelebte Realität. Und eine gut bezahlte noch dazu. Denn der Amerikaner arbeitet beim Outdoor-Spezialisten Patagonia als „Field Testing Manager“. Ein Job zum neidisch werden – oder vielleicht doch mehr Schein als Sein? Wir haben uns mit dem Profi-Tester auf der ISPO 2015 zum Interview getroffen und mit ihm über seinen Joballtag, die Marke Patagonia und den Sinn des Lebens unterhalten.

Hobby zum Beruf machen – Realität oder Wunschvorstellung?

Für viele Menschen ist es wohl der sehnlichste Wunsch, das eigene Hobby zum Beruf zu machen. Vorbei die Zeiten eintöniger Büroarbeit, nervigen Kunden oder den ewig nörgelnden Kollegen aus der Buchhaltung. Einfach den ganzen Tag das machen, was einem am meisten Spaß macht. In diesem Sinne: Hand aufs Herz. Welcher Bergliebhaber hat nicht schon einmal mit dem Gedanken gespielt, wie schön es doch wäre den lieben langen Tag draußen zu sein und dabei auch noch seinen Lebensunterhalt zu verdienen – als Journalist, Bergführer oder vielleicht als Mitarbeiter einer Sportfirma?!Was zunächst wie die pure Idylle klingen mag, hat in der Wirklichkeit jedoch nicht selten auch eine Schattenseite. Sei es in Form von fehlenden Aufträgen, Verletzungen oder auch der enormen psychischen Belastung, die Verantwortung für das Leben einer Gruppe in den eigenen Händen zu wissen. Oftmals haben Außenstehende schlichtweg eine falsche Vorstellung davon, wie der Joballtag in der Sportwelt tatsächlich aussieht.

Aber wie ist das nun mit dem vermeintlichen Traumjob als Outdoor-Tester? Sprechen auch hier Annahme und Realität zwei verschiedene Sprachen? Walker Ferguson lacht. „Ich glaube es ist eine Mischung. Klar verbringe ich nicht den ganzen Tag draußen in der Natur, sondern bin auch im Büro. Aber wenn man ehrlich ist, dann ist der Job schon wirklich ziemlich großartig.

Vom Radprofi zum hauptberuflichen Outdoor-Tester

Walker Ferguson ist 32. Auf den ersten Blick wirkt der gebürtige Amerikaner zurückhaltend und fast ein wenig schüchtern. Die Haut von Sonne und Wind braun gebrannt, die Schläfen mit ein paar ersten graumelierten Stellen. Der Körperbau eher klein und schmal, aber sehnig und durchtrainiert. Mit den kalifornischen Surfer-Sunny-Boys wie sie viele aus den Filmen der Traumfabrik kennen, hat er optisch nur wenig gemein – auch wenn die Wellen und das Meer zu seinen größten Leidenschaften zählen.Wenn Walker aber anfängt von seinem Job zu erzählen, dann beginnen seine Augen zu leuchten und ein leichtes Lächeln umspielt seine Gesichtszüge. Zufriedenheit beschreibt es wahrscheinlich am besten was er ausstrahlt, wenn er von seinen Trips um die Welt und seinem Alltag berichtet.

Seit mittlerweilefünf Jahren arbeitet Walker nun als „Field Testing Manager“ – so seine offizielle Jobbezeichnung – für das in Ventura ansässige Unternehmen. Zuvor war er als Mountainbike- und Cyclocrossfahrer im Profisport aktiv. Bei den Mountainbike-Weltmeisterschaften im Jahr 2000 in der Sierra Nevada holte er sich sogar den Titel in der U23-Klasse. Beste Voraussetzungen also, um als Testmanager bei einer Outdoormarke zu arbeiten. „Man muss kein Profi in jeder Sportart sein, aber ein wirklich guter Allrounder in ganz verschiedenen Disziplinen. Vor allem natürlich, wenn man für eine Firma wie Patagonia arbeitet, die über ein extrem breites Sortiment verfügt. Denn Fliegenfischen steht bei mir ebenso auf dem Programm wie Surfen, Trailrunning oder Snowboarden“, weiß der 32-jährige zu berichten. Eine klassische Ausbildung im Sinne eines Studiums der Textilwissenschaften oder im Bereich Produktdesign hat Walker nicht absolviert. Lediglich einige Kurse im Bereich Materialkunde und Fertigung hat er besucht, um sich das theoretische Basiswissen anzueignen. Aber auch das ist für den Job nicht das Ausschlaggebende: „It’s all about experience“ – und davon hat Walker Ferguson mehr als genug.

Liebe seit frühester Kindheit – Walkers Verhältnis zu Patagonia

Eigentlich arbeitet Walker nämlich nicht erst seit fünf Jahren für Patagonia, sondern quasi bereits sein ganzes Leben. Schon im zarten Alter von drei Jahren streifte er mit seinem Vater Duncan durch die Berge und Wälder, um die neusten Produkte des kalifornischen Unternehmens unter die Lupe zu nehmen. Denn der hatte über Jahrzehnte den gleichen Job inne wie Walker jetzt. Als Duncan dann in Rente ging, war der Nachfolger schnell gefunden: „Ich bin mit Patagonia aufgewachsen und habe eine sehr enge Bindung zu dem Unternehmen und den Werten, die es verkörpert. Für diesen Job ist es extrem wichtig, dass man ein wirkliches Verständnis für die Marke und die Philosophie hinter den Produkten hat. Sonst kann man nicht nachvollziehen, warum ein Produkt so ist wie es ist“, so Walker.

Und wer sich schon einmal genauer mit Patagonia und dem Umgang des Unternehmens hinsichtlich Themen wie Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung beschäftigt hat, der versteht was Walker damit meint. So ist Patagonia bspw. Mitbegründer der Allianz „One Percent for the Planet“, einem freiwilligen Zusammenschluss von Unternehmen, die sich dazu verpflichten 1% des Gesamtumsatzes oder 10 % des Gewinns an Umweltorganisationen zu spenden. Seit 1996 verwendet die Firma ausschließlich Bio-Baumwolle für Bekleidung. Und anstatt sich dem „Immer-mehr-haben-wollen“ -Mainstream anzuschließen, fordert das Unternehmen seine Kunden dazu auf, nur das zu kaufen, was man wirklich benötigt und Bekleidung zu reparieren anstatt wegzuwerfen. Auf dieser Philosophie aufbauend lautet der Leitspruch von Patagonia folgerichtig: „Stelle das beste Produkt her, belaste dabei die Umwelt so wenig wie möglich, inspiriere andere Firmen, diesem Beispiel zu folgen und versuche, Lösungen zur aktuellen Umweltkrise zu finden“.

Vom Umgang mit Kritik und der Suche nach dem besten Produkt

Aber natürlich ist auch Patagonia trotz seines Engagements nicht gegen jedwede Kritik gefeit. Dauerbrenner der Debatte, die insbesondere von Greenpeace immer wieder aufs Neue entfacht wird, sind die Chemikalien die benötigt werden, um Spezialtextilien atmungsaktiv und wetter- bzw. wasserfest zu machen. Hierzu hat Walker eine klare Meinung: „ Unsere Mission ist es, das beste Produkt herzustellen. Und natürlich würden wir dabei gerne auf DWR-Imprägnierungen mit PFC verzichten. Aber Fakt ist, dass es derzeit noch keine Alternative gibt. Wir arbeiten daran eine zu finden, aber so lange können wir auf den Einsatz dieser Substanz nicht verzichten. Eine Regenjacke die nicht wasserfest ist, nützt niemandem etwas und ist dann eben auch nicht das beste Produkt.“

Die Suche nach eben diesen besten Produkten führt Walker um die ganze Welt. Etwa die Hälfte seiner Arbeitszeit ist der Amerikaner draußen unterwegs, um die neusten Erfindungen und Prototypen einem Praxistest zu unterziehen. Begleitet wird er dabei zumeist von Ambassadors der jeweiligen Sportart, also den seitens Patagonia gesponserten Athleten. Gemeinsam testen sie, wie sich Materialien auf der Haut anfühlen, ob Taschen an den richtigen Stellen platziert wurden oder sich Verschlüsse schnell und einfach öffnen lassen. „Bevor wir uns an die Arbeit machen gibt es natürlich ausgiebige Labortests. Unsere Aufgabe ist es gewissermaßen, die echte Welt ins Büro zu bringen und herauszufinden, ob ein Produkt auch im praktischen Einsatz besteht.“ Je nach Segment haben Walker und seine Kollegen meistens zwischen zwei und sieben unterschiedliche Prototypen mit dabei. „Bei Flanellhemden hat man das Endprodukt sicherlich schneller als bei einem funktionalen und innovativen Kleidungsstück wie dem Nano-Air Jacket “ sagt Walker schmunzelnd. Die besagte Jacke ist für Walker neben den Boardshorts und dem ultra-leichten Houdini-Jacket übrigens eines der besten Kleidungsstücke überhaupt, das Patagonia in den letzten Jahren entwickelt hat. „Es gibt wirklich viele tolle Klamotten, aber die Nano-Air ist für mich ein absolutes Highlight“, so Walker.

Schneller, höher, leichter: Quo vadis Outdoorindustrie?

Aber natürlich sind nicht immer alle Neuheiten nach dem Geschmack der Field-Tester: „Was auf dem Papier vielleicht gut aussehen mag, muss nicht unbedingt auch praktisch sein“ weiß Walker zu berichten. Als Schnittstelle zwischen Produktentwicklung und Designern kommt es daher stets darauf an, sein Feedback richtig zu verpacken: „Wenn jemand viel Arbeit in die Entwicklung eines Produkts gesteckt hat und selber vollkommen überzeugt davon ist, dann ist es natürlich wichtig, seine Kritik konstruktiv zu formulieren und nicht einfach nur zu sagen: ‚Sorry, aber das Teil taugt einfach nichts’. Schließlich ist man ja ein Team“, erklärt Walker.
Generell ist der Amerikaner der Überzeugung, dass es immer noch etwas zu verbessern gibt. „Es geht nicht nur darum, eine Innovation auf den Markt zu bringen, sondern auch darum bereits existierende Produkte weiter zu optimieren“ so der 32-jährige.

In Zeiten von Rucksäcken die gerade einmal rund 400 Gramm auf die Waage bringen und Hardshells mit einer Wassersäule bis zu 30.000 mm stellt sich aber natürlich die Frage, was an Verbesserungen überhaupt noch kommen kann. Für Walker geht es dabei nicht unbedingt nur um Gewicht und Funktionalität. „Das Thema Haltbarkeit ist für uns von enormer Bedeutung. Wir wollen, dass unsere Kunden ihr Produkt möglichst lange benutzen und sich nicht ständig etwas Neues kaufen müssen.“ Und auch im Bereich Sicherheit gibt es in der Outdoor-Industrie noch Luft nach oben. So arbeitet Patagonia derzeit etwa an einer aufblasbaren Weste, welche das Leben der Big Wave Surfer sicherer machen soll, die auf Wellen mit bis zu 20 Metern Höhe reiten. Für dieses Projekt wird Walker die nächsten drei Monate auf Hawaii verbringen. Wenn alles nach Plan läuft, dann gibt es das Ergebnis in etwa zwei Jahren zu bestaunen – zumindest dauert es für gewöhnlich so lange bis ein Produkt auf den Markt kommt, das Walker in den Händen hatte.

Das machen, was man liebt – und der Rest kommt von ganz allein.

Apropos Surfen:„Lass die Mitarbeiter Surfen gehen“ heißt das Buch des Patagonia- Gründers Yvon Chouinard, welches die Erfolgsgeschichte des Unternehmens erzählt. „Arbeit muss Spaß machen, und wir wollen Mitarbeiter, die ein ausgefülltes Leben führen“ – so hat es Yvon Chouinard vor einigen Jahren in einem Interview mit dem Focus einmal gesagt. Walker ist das beste Beispiel dafür, dass dieser Satz bei Patagonia nicht einfach nur leeres Gerede ist. Am 26.02.2015 wird Walker Ferguson 33 Jahre alt. Während seine Altersgenossen der viel zitierten „Generation Y“ noch auf der Suche nach dem Sinn des Lebens sind und sich ständig selbst in Frage stellen, scheint der Amerikaner seine Erfüllung bereits gefunden zu haben: „I guess I am just pretty happy“.

Noch eine kleine Notiz am Rande: Auf eine Stellenausschreibung gehen bei Patagonia im Schnitt etwa 900 Bewerbungen ein. Um „pretty happy“ zu werden, muss man also definitiv auch ein bisschen „lucky“ sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bilder