Portrait – Patagonia „The New Localism” Keep it wild – der Kampf gegen das Jumbo Glacier Ski Resort in Kanada


 
11.11.15
 

Gletscherbedeckte Berggipfel und atemberaubende Steilhänge mit feinstem Champagner-Powder. Dichte Wälder mit majestätischen Bäumen, die scheinbar bis zum Himmel ragen. Dazu unzählige Seen und Bäche, in denen sich die untergehende Sonne in all ihrer Pracht spiegelt – das Jumbo Valley im Herzen von British Columbia (Kanada) zählt zu den letzten Flecken unberührter Natur auf dieser Erde. Doch das könnte sich schon bald ändern, denn das Gebiet wird durch den Bau eines Skigebiets bedroht. Mit Unterstützung der Outdoormarke Patagonia bekommen die Gegner des Projekts nun auch international verstärkt Aufmerksamkeit.

Jumbo Valley – Heimat für wilde Tiere, heiliges Land und Freeride-Paradies

Das Jumbo Valley in den East Kootenays ist Teil einer der wichtigsten Wanderkorridore für Grizzlybären in Nordamerika und Heimat für Wölfe, Dachse, Pumas, Elche und zahlreichen andere seltene Tierarten. Seit hunderten von Generationen ist das einzigartige Gebiet außerdem das Land des First Nation Stamms der Ktunaxa und daher in spiritueller wie auch kultureller Hinsicht von enormer Bedeutung für deren Identität. Von erfahrenen Backcountry Ski- und Snowboardfahrer wird das Jumbo Valley mit seinen zahlreichen Gletschern für dessen einmaliges Terrain geradezu verehrt. Denn wer schon einmal einen Blick auf die unbeschreibliche Weite und Schönheit der Wildnis in den Purcell Mountains werfen durfte, den lässt die Erinnerung so schnell nicht mehr los. Ginge es jedoch nach dem Willen von Oberto Oberti und seinen Partnern sowie Teilen der kanadischen Regierung, dann sollte dieses Idyll schon längst der Vergangenheit angehören und stattdessen endlose Skilifte, Hotels, Bars, Luxus-Chalets und Restaurants das Landschaftsbild dominieren.

Jumbo Glacier Ski Resort – ein All-Season Wintersportgebiet der Superlative

Aufgrund der hervorragenden Schneebedingungen, der hohen Lage sowie den zahlreichen Gletscher haben die findigen Bauunternehmer das Gebiet „auserkoren“, um mitten in der Abgeschiedenheit das bis dato einzige ganzjährige Skiressort Nordamerikas aus dem Boden zu stampfen. In Zahlen gesprochen wären das rund 6000 Hektar (60 km2) Ressortfläche – davon 6 km2 markierte Skipisten, 20 bis 25 Lifte und 5500 Betten alleine für die Besucher. Vom Jumbo Glacier Ski Resort sollen dabei aber nicht nur die Wintersportler aus aller Welt profitieren, für die nach Ansicht der Bauherren ein Traum in Erfüllung gehen würde, sondern natürlich auch die Region selbst und die kanadische Regierung dank hoher Steuereinnahmen. Der Ausbau würde dabei insgesamt etwa 20 Jahre in Anspruch nehmen und jährlich ein Auftragsvolumen von 15 bis 20 Millionen kanadischer Dollar umfassen. Nach der Fertigstellung des Projektes entstünden nach Kalkulation der Bauunternehmer 750 bis 800 feste Arbeitsplätze mit einer Payroll von 20 Millionen Dollar. Doch so überzeugt die Initiatoren rund um den Architekten Oberto Oberti von ihrem Vorhaben sind, umso weniger sind es die Einwohner der Kootenays, die sich vehement gegen das Jumbo Glacier Ski Ressort wehren – und das seit mittlerweile 24 Jahren.

Vereint für den Schutz des Jumbo Valley

Auch wenn sich die Bewohner der Region in vielen Dingen nicht einig sind, beim Kampf gegen das geplante Ressort ziehen sie doch mehr oder weniger alle an einem Strang – der Stamm der Ktunaxa ebenso wie Farmer, Jäger, Umweltschützer, „Alt-Hippies“ und Freerider. Im Zuge der Umweltverträglichkeitsprüfung haben sich rund 91% gegen das Projekt ausgesprochen. Einer der maßgeblichen Treiber des Widerstands ist dabei die Umweltorganisation Wildsight, die von Beginn an gegen das Jumbo Glacier Ski Resort auf die Barrikaden ging. „ Das Jumbo Valley ist international anerkannt als ein lebenswichtiger Bestandteil einer der bedeutendsten Korridore für wild lebende Tiere in Nordamerika. Für den Erhalt eines gesunden Grizzlybären-Bestands ist ein zusammenhängendes Habitat essentiell. Das Jumbo Glacier Resort würde einen kritischen Teil dieses Korridors zerpflücken. Für den Stamm der Ktunaxa gilt das Jumbo Valley zudem als Heimat des Geistes der Grizzlybären. Das geplante Skigebiet würde Glauben und Praktiken, die ein wichtiger Teil der Identität und Kultur der Ktunaxa sind, untergraben“, erklärt Robyn Duncan, geschäftsführender Direktor der Grassroot-Organisation. Darüber hinaus sieht der 33-Jährige, der selbst in den Kootenays aufgewachsen ist und leidenschaftlicher Skifahrer ist, nicht einmal einen wirtschaftlichen Nutzen des geplanten Projekts. „Gegenwärtig existieren bereits acht Skiressorts innerhalb eines vierstündigen Radius. Keines davon ist derzeit ausgelastet und ein neues Gebiet würde nur die Konkurrenz für die bereits bestehenden Ressorts erhöhen“, so Robyn.

Dabei geht es aber keinesfalls darum, Skiressorts generell zu verteufeln. „Um es mit den Worten des Filmemachers Nick Waggoner zu sagen ’It’s not a question of ski resorts or no resorts, it’s a question of how many and what cost ’”. Wie der Naturschützer zu bedenken gibt, geht es aber dennoch um weit mehr, als „nur“ um den Schutz eines majestätischen, geradezu magischen Ortes. „Jumbo ist ein Sinnbild für so viele Herausforderungen, mit denen wir uns als Gesellschaft konfrontiert sehen. Welchen Stellenwert hat unser Land? Welchen die Wildnis? Oder die Tierwelt? Wie ist Demokratie auf lokaler Ebene gestaltet? Wer hat die Entscheidungsgewalt? Würde das Projekt realisiert werden, so wäre das ein wirklich beängstigender Präzedenzfall als Antwort auf all diese Fragen. Ich bin davon überzeugt, dass wir als Gesellschaft das nicht unterstützen dürfen.”

The New Localism – Patagonia macht Jumbo zur „Chefsache“

Auch das in Ventura, Kalifornien ansässige Outdoorunternehmen Patagonia setzt sich für den Erhalt des Jumbo Valley ein. Seit mittlerweile über 30 Jahren arbeitet die weltweit bekannte Outdoormarke mit lokalen Umweltschutzorganisationen zusammen. Bereits über 70 Millionen Dollar in bar und geldwerten Leistungen sind dabei insgesamt an entsprechende Initiativen geflossen, wie Hans Cole, Patagonia Environmental Advocacy und Kampagnenmanger, zu berichten weiß. Seit 2012 unterstützt das Unternehmen nun auch die Umweltschutzorganisation Wildsight in ihrem nunmehr über 20-jährigen Kampf gegen den Bau des Jumbo Glacier Ski Resort.

Nun geht Patagonia noch einen Schritt weiter und hat „Jumbo Wild“ als das Projekt für seine neue Initiative „The New Localism“ ausgewählt, mit der die Kalifornier für die globale Unterstützung lokaler Umweltschutzorganisationen sorgen wollen. Die Entscheidung für Jumbo Wild hatte dabei eine Vielzahl von Gründen – zumal mit Wildsight bereits ein starker lokaler Partner vorhanden war, der den Widerstand von Beginn an vorangetrieben hat: „Als Ski und Snowboarder verfolgen wir die Debatte natürlich schon seit einer ganzen Weile. Unsere beiden Ambassadors Jasmin Caton und Leah Evans sind mit dem Kampf ganz besonders gut vertraut, da sie beide in der Region gelebt haben“, so Hans Cole. „Die Jumbo Wild Kampagne passt einfach perfekt zu unserem „The New Localism“ Modell. Jumbo ist ein Ort von enormer ökologischer und kultureller Bedeutung – und gleichzeitig atemberaubend schön mit hervorragenden Möglichkeiten für sportliche Aktivitäten im Backcountry. Die Kombination all dieser Faktoren macht das Projekt ideal für unsere Initiative.“

Ein Film geht um die Welt – das Jumbo Valley hautnah erleben

In Zusammenarbeit mit Nick Waggoner und Sweet Grass Production hat Patagonia einen Film über das Jumbo Wild Projekt auf die Beine gestellt, um international auf den Konflikt aufmerksam zu machen und weitere Unterstützer für den Kampf gegen das Jumbo Glacier Ski Resort zu gewinnen. In der rund einstündigen Dokumentation lassen die Macher den „Vater“ des Projekts, Oberto Oberti, ebenso zu Wort kommen wie die Einwohner der Region, Vertreter der Ktunaxa sowie die Patagonia Ambassadors. Herausgekommen ist ein wirklich sehenswerter Film, der die Hintergründe des Konflikts eindrucksvoll erklärt und trotz aller Sympathie für die Gegner des Projekts auch den Befürwortern Redezeit einräumt. Die atemberaubenden Naturaufnahmen einer zweifellos einmaligen Region lassen dabei sicherlich nicht nur die Herzen von eingefleischten Kanada-Fans höher schlagen.

Wer sich einen ersten Eindruck verschaffen möchte, der kann sich auf Patagonia.com mit einem rund 8-minütigen Trailer ins Jumbo Valley entführen lassen. Den kompletten, einstündigen Dokumentarfilm gibt es dann ab dem 11. Dezember auf Vimeo und iTunes zum kostenpflichtigen Download, wobei die gesamten Einnahmen an Wildsight gehen.

Erste Erfolge – und weiter geht der Kampf

Im Sommer dieses Jahres konnten die Gegner des Jumbo Glacier Ski Resorts einen wichtigen Erfolg für sich verbuchen, als das Umweltzertifikat der Bauunternehmer abgelehnt wurde. Um das Gebiet dauerhaft zu bewahren, steht aber noch ein gutes Stück Arbeit an. „Unser Ziel ist es, das Jumbo Valley so zu schützen, dass die Interessen der vielen verschiedenen Gruppen bewahrt werden – der First Nations ebenso wie derer, die in dem Gebiet ohne die Gefahren eines Skiressorts nach Erholung suchen“, erläutert Hans Cole. Auf dem Weg dahin zählt vor allem eins: Gemeinschaft und Engagement wie Robyn Duncan von Wildlife zu berichten weiß: „ Die Leidenschaft und die Hingabe der überwältigenden Mehrheit, die sich gegen das Projekt stellt, hat dafür gesorgt, dass Jumbo in den letzten 24 Jahren unberührt geblieben ist – und genau dadurch wird es auch für immer wild bleiben.“

Wer Wildsight und die Gegner des Jumbo Glacier Ski Resort unterstützen möchte, der kann auf der Homepage der Organisation die Petition zum Schutz des Jumbo Valley unterstützten. In diesem Sinne: „Keep Jumbo wild – forever!

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