Portrait – Weltcup der Naturbahnrodler Cool Runnings reloaded – zwei Brasilianer tanzen Samba auf der Rodelbahn


 
30.01.15
 

Obwohl Flavio Macedo (30) und Rafael Manfrinato (27) keine Topplatzierungen erzielen, sind sie im Weltcup der Naturbahnrodler eine Attraktion. Beide Sportler leben in der 20-Millionenstadt Sao Paulo. Schnee haben sie erstmals in Europa gesehen. Die freie Journalistin und Outdoor-Redakteurin Johanna Stöckl hat die zwei Brasilianer in München getroffen und mit ihnen über deren eiskalte Leidenschaft gesprochen.

Zwei Brasilianer geben Gas auf der Naturrodelbahn

Über Facebook haben wir uns verabreden. Treffpunkt 11 Uhr, Jäger’s Hostel am Hauptbahnhof. Beim Buchen der Reise sei ihnen ein dummer Fehler unterlaufen, weshalb sie nun eine Woche lang in München hocken und auf ihren Rückflug warten. Ob sie die Stadt schon ein wenig kennen? „Nein, wir sind erst gestern Abend angekommen.“ Der Vorschlag im Englischen Garten spazieren zu gehen, wird dankbar angenommen.

Wie kommen zwei Burschen aus Sao Paulo bloß zum Naturbahnrodeln? Flavio Macedo, der bereits letzte Saison im Weltcup gestartet war, hat Rafael, seinen besten Kumpel, überredet, dieses Jahr auch mitzumachen: „Wir lieben das Rodeln, die Geschwindigkeit. Eigentlich sind wir ja Straßenrodler. Zu Hause in Brasilien fahren wir mit so genannten Streetluges auf asphaltierten Wegen.“ Nach einer Bewerbung beim internationalen Rennrodelverband für den Weltcup der Naturbahnrodler, haben sie eine Zusage erhalten. Für Nationen, in denen der Naturbahnrodelsport keine große Rolle spielt, gibt es innerhalb des Verbandes eine Art Fördergruppe, die Trainingsprogramme, Reisekosten und Weltcupeinsätze in Europa finanziert. Obwohl sie als Exoten am Start sind, brennen beide für ihren Sport. An fünf von sieben Tagen wird hart trainiert. Das ganze Jahr über.

Von der Straße mit Vollgas in den Eiskanal

Eiskanal und Straße – das sind wohl zwei paar Schuhe. „Meine ersten Versuche in der Naturrodelbahn waren mehr als ungewohnt“, erklärt Rafael, „und endeten mit kapitalen Stürzen.“ Glücklicherweise ist er dabei unverletzt geblieben. Als Straßenrodler muss man sich offensichtlich gewaltig umstellen, wenn man auf Eis – und nicht wie gewohnt – auf Asphalt talwärts donnert. Die Technik sei eine völlig andere, das Kurvenfahren ohne Grip anfangs richtig schwer. Aber nach ein paar Trainingseinheiten lief es rund. Flavio, der bereits in der zweiten Saison am Start ist, liefert schon beachtliche Ergebnisse: Im Gesamtweltcup, bei dem 58 Fahrer gelistet sind, belegt er derzeit immerhin schon Platz 28. Geld können sie mit dieser Sportart freilich nicht verdienen. Ruhm ist ebenfalls nicht zu erwarten. Aber darum geht es beiden nicht. Sie leben für ihre Passion.

Der große Traum vom Weltmeistertitel

Rafael, der in Sao Paulo als IT Spezialist arbeitet, hat für seinen Start im Weltcup seinen Jahresurlaub genommen: „Wir waren insgesamt acht Wochen in Europa.“ Flavio, der noch zur Uni geht, hat seinen Studentenjob gekündigt: „Zurück in der Heimat suche ich mir neue Arbeit. Kein Problem.“ Spricht man Ziele und sportliche Visionen an, herrscht Einigkeit. Anfangs heißt das Ziel „bloß nicht Letzter werden.“ Ausgeschlossen ist für die Zukunft aber nichts: „Warum nicht vom Weltmeistertitel träumen?“ In den kommenden Tagen wollen sie München erkunden: Hofbräuhaus, BMW Museum, Olympiapark und natürlich Allianz Arena stehen auf dem Programm. Worauf sich beide nach zwei Monaten im europäischen Winter richtig freuen: Auf die warmen Temperaturen in Sao Paulo, Nachmittage am Strand und eine riesen Portion vom brasilianischen Nationalgericht Feijoada (Bohneneintopf mit Rindfleisch). Was sie vermissen werden? Die klare Luft, das gute Bier.

Gastautorin: Johanna Stöckl

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