Reisebericht – Antalya / DAV Summit Club Wenn ich im Schnee steh, brauch ich kein Meer mehr!


 
01.04.14
 

„An meiner Freude und Begeisterung für die Bergwelt hat sich bis heute nichts geändert. Ich bin gerne und regelmäßig draußen“ schreibt unsere Gastautorin Johanna Stöckl auf ihrer eigenen Website. So versteht es sich von selbst, dass sie sich als freie Journalistin hauptsächlich dem Bergsport widmet und u.a. für Tageszeitungen und Special Interest Magazine unterwegs ist. Ihre letzte Reise führte die sympathische Wahlmünchnerin in die  Türkei, wo sie in der Berglandschaft von Antalya mit Schneeschuhen unterwegs war. Hier ist ihr Reisebericht.

Kälte vertrage ich besser als Hitze. Ich liebe den Winter. Ich mag Schnee. Freilich: So ein Tag am Meer tut meiner Seele auch sehr gut. Aber: Wenn ich mich zwischen einem Wochenende in den Bergen und ein paar Tagen am Strand entscheiden müsste, wäre meine Wahl ganz klar: Berge! Umso schöner, wenn man Strand und Schnee miteinander kombinieren kann. Dass man diese delikate Mischung gerade in Antalya findet, hat mich überrascht.

Als mir Joachim vom DAV Summit Club kürzlich eine Email schreibt und mich fragt, ob ich ihn auf einem Kurztrip nach Antalya begleiten möchte, denke ich an alles, nur nicht an schneebedeckte Gipfel. Was ich mit Antalya verbinde? Bettenburgen, Pauschalurlaub, Bikini. Ich soll warme Klamotten für eine Schneeschuhtour einpacken? Neugierig studiere ich das Programm und sage zu.

Der Flug mit SunExpress ab München wird insofern ein Highlight als dass ich noch nie meine Heimat – ich komme aus dem Salzburger Land, genauer aus dem Pinzgau – von oben gesehen habe. Da ich am Fenster sitze und das Wetter grandios ist, kann ich mit freiem Auge plötzlich den Watzmann erkennen, das Steinerne Meer, den Funtensee, das Kärlinger Haus, Riemannshaus, den Hochkönig, das Kitzsteinhorn, den Großglockner, später die Berge rund um den Katschberg, ehe sich ab Kärnten dicke Wolken bilden und den Blick versperren. In Antalya angekommen geht es in ein ziemlich cooles, feines Boutiquehotel mitten in der wirklich schönen Altstadt. Von dort schlendern wir bei angenehm milden Temperaturen am Hafen entlang zum Abendessen in ein Restaurant. Es gibt türkische Vorspeisen vom Allerfeinsten, Fisch, Salat und köstliche Köfte. Dass wir in Kürze auf einem schneebedeckten Gipfel im Taurus-Gebirge stehen sollen, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Tags darauf bringt uns ein Bus in die 70 Kilometer westlich von Antalya gelegene Kleinstadt Elmalı. Je nach Verkehrslage dauert diese (Zeit)Reise ein- bis eineinhalb Stunden. Elmalı liegt am Fuße der Akdag-Berge, was frei übersetzt „weiße Berge“ heißt. Die Zeit scheint hier still zu stehen. Wie beschaulich: Es gibt ein paar Moscheen, türkische Cafes, zwei, drei Hotels und einen schönen Bazar. Mächtige, schneebedeckte Bergspitzen im Hintergrund runden das Panorama ab.

Der Name Elmalı heißt übersetzt „kleiner Apfel“ und verrät, dass man in der stillen Gegend hauptsächlich vom Obstanbau lebt. Die Bewohner der abgeschiedenen Stadt sind jedoch alles andere als weltfremd: sehr gastfreundlich und sehr offen. Sie freuen sich über den Besuch von Touristen, zeigen uns ihre Geschäfte und spendieren uns Kostproben süßer Köstlichkeiten. Was ich vergessen hatte  – das Tollste überhaupt – du musst dir in der Türkei natürlich keinen Wecker stellen. Der Ruf des Muezzin weckt dich gegen 6.30 Uhr. Eine Bergtour verschlafen? Kann man praktisch nicht.

Als wir dann tatsächlich in den Bergen sind und die ersten Höhenmeter hinter uns liegen, bin ich endgültig baff. Wir sind mutterseelenallein unterwegs. Gerade jetzt in Übergangszeit Winter-Frühjahr. Im Sommer tut sich zwar etwas mehr in den Bergen hinter Antalya, aber überlaufen ist das Taurus Gebirge nie. Und weil das so ist, die Berge im Hinterland der Großstadt ein wahres Outdoorparadies sind, versucht die Region Antalya den Wandertourismus auf sanfte Art und Weise ein wenig anzukurbeln. In Kooperation mit dem DAV Summit Club werden ab diesem Jahr Gruppenreisen im Frühjahr und Herbst angeboten. Neun Wanderreisen auf den Taurus Trails stehen 2014 insgesamt auf dem Programm. Damit will man auch der Abwanderung gegensteuern. Seit der Tourismus an der Küste nämlich so floriert, verlassen immer mehr junge Menschen das Hinterland, um in den Hotels und Bars an der türkischen Riviera ihr Geld zu verdienen.

Und weil das Thema so gut bei Wandertouristen aus dem deutschsprachigen Raum ankommt, plant der DAV Summit Club künftig auch Termine im Winter – die „Taurus Wintertrails“ ­– anzubieten. Wir sind quasi da, um die Attraktivität dieser Touren zu testen. Womit wir wieder am Berg und bei unserer Schneeschuhwanderung wären.

Die ersten Höhenmeter schrauben wir uns noch auf einem gut ausgebauten Weg nach oben. Die Landschaft, leicht verkarstet, sieht aus als wären wir in Marokko unterwegs. Wacholderbäume und Zedern säumen den Weg, der etwas später in einen Pfad übergeht. Bald erreichen wir die Schneegrenze, und betreten auf Schneeschuhen ein wahres Winterparadies jenseits der 2.000 Metergrenze. Kein Weg, keine Beschilderung, natürlich keine Hütten. Ein Niemandsland in Weiß. Jeder Gipfel ist jungfräulich! Weit und breit keine Spur von einem Menschen. Nur von Wölfen – ehrlich jetzt! Da es von der Region, in der wir unterwegs sind, praktisch kein Kartenmaterial gibt, begleitet uns ein Bergführer. Und was für einer! Ömer Faruk Gülşen ist ein Bär von einem Mann. Er trägt eine schwarze Skitourenhose, einen dunklen Fleecepulli, eine große silberne Gletscherbrille und eine verwegene Stola in Violett, Rosa und Gelb, die er ziemlich stylisch um den Hals gebunden hat. Sein Gesicht ist braungebrannt. Bart und Haare sind leicht ergraut.

Ömer kennt die Berge wie seine Westentasche. Er hat ein Buch über den Taurus verfasst und gilt in der Türkei bei Bergsteigern als Institution. Im Internet, vor allem auf Facebook, schart der 59-Jährige Bergbegeisterte eine große Outdoor-Community um sich. Für wenig Geld bietet der Berg- und Social Media-Experte geführte Touren an. Sein Markenzeichen? Die Stola einerseits und ein verwegener Urschrei. „Huuuuuyyyyyt“ ruft er immer dann, wenn er sicher gehen will, dass wir auch alle da sind oder wenn wir ihn gar aus den Augen verlieren könnten. Das erste Mal erschrickt man richtig. Man könnte nämlich durchaus meinen, es handle sich um einen Schlachtruf. Später aber wird der Schrei zum Running Gag der Tour.

Neben Ömer begleitet uns auch Volkan Asli auf der Tour. Der 34-jährige türkische Reiseleiter und Wanderführer hat Archäologie studiert und während des Studiums  sogar ein paar Auslandssemester in München verbracht. Volkan spricht fließend Deutsch und ist ein wandelndes Lexikon. Was er uns alles erzählen und erklären kann, ist wirklich beeindruckend und überaus informativ. Volkan arbeitet gerne für den DAV Summit Club. Denn deutsche Outdoor-Touristen seien sehr an Land und Leuten interessiert und offen für die Geschichte der Türkei. Das freue ihn besonders.

Die ganze Tour begeistert mich. Seit Stunden sind wir alleine unterwegs. Man muss sich das einmal vorstellen: Am Morgen haben wir im Hafen von Anatalya (im Kurzarmshirt) gefrühstückt.Und nun stapfen wir hier durch tiefen Schnee. Was für ein Kontrast! Die über 2.000 Meter hohen Gipfel in dieser Region wären ein Skitouren-Paradies und bei guter Schneelage ein El Dorado für Freerider. Ich muss mir immer wieder vor Augen halten, dass ich nur eine Autostunde von den Stränden Antalyas entfernt und doch in einer ganz anderen Welt angekommen bin. Jedenfalls bin ich mir sicher, dass auch ein Interesse an Wintertouren im Taurusgebirge besteht. Man muss es nur wecken. Denn schöner, abgeschiedener und vor allem kontrastreicher kann man den Winter nicht erleben.

Über den DAV Summit Club

Der DAV Summit Club erhielt auf der ITB Berlin 2014 den myclimate-Award für innovativen, nachhaltigen Tourismus u.a. in der Türkei. Infos zum Programm „Taurus Trails“ und „Lykischer Weg“ gibt’s direkt beim DAV Summit Club.

Text und Bilder: Johanna Stöckl

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