Reisebericht – Teneriffa Wo sich Vulkangestein und Meeresrauschen gute Nacht sagen


 
08.04.14
 

„Wenn man Baden geht auf Teneriffa“ – der ein oder andere mag ihn vielleicht kennen, den etwas sinnbefreiten 60er Jahre-Film mit Schlagerstar Peter Kraus und Schauspiellegende Heinz Ehrhardt. Vor gut 20 Jahren war dieser Film der erste „Berührungspunkt“ mit der kanarischen Insel vor der Küste Marokkos. Damals war der Campingurlaub in Italien für mich noch das Jahreshighlight und Teneriffa die paradiesische Insel meiner Kindheitsträume. Einmal dort Urlaub machen. Das wär’s.

Mit dem Älterwerden und dem Erkunden anderer Urlaubswelten veränderte sich meine Sicht der Dinge. Teneriffa? Das ist doch so ne Rentnerinsel mit Bettenburgen. Da fährt man hin, um am Strand zu liegen und schon mittags Bier zu trinken – all-inclusive am Hotelpool und so. Nein Danke. Nicht mein Ding. Ich ziehe lieber mit meinem Rucksack durch die Welt und übernachte in billigen Hostels, gehe Bergsteigen oder erkunde auf eigene Faust die Metropolen Europas. Aber was tun, wenn man im April einen neuen Job anfängt und Ende März nur eine Woche Urlaub hat? „Aktivurlaub“ ist sowieso gesetzt. Am Strand liegen? Einfach nicht mein Ding. Hüttentour? Leider noch zu früh im Jahr. Skandinavien mit dem VW Bus bereisen? Noch zu kalt. Und außerdem soll ja nicht gleich das komplette Urlaubsbudget des Jahres in nur einer Woche draufgehen.

Nach einer kurzen Google-Suche (Begriffe: Wandern + Europa) und ergänzendem Flugpreisvergleich auf einschlägigen Portalen war das vermeintliche Ziel dann auch schnell gefunden: Teneriffa. Leicht und schnell zu erreichen, mildes Klima das ganze Jahr über und nachdem ich mit dem bezaubernden Norden Mallorcas bereits vor einigen Jahren wunderbare Erfahrungen sammeln konnte, war es vielleicht auch einfach an der Zeit, die Sicht auf die kanarische Insel nochmals zu überdenken. Laut Reiseführer besitzt Teneriffa gleich zwei Gesichter und eine Vegetation, die verspricht so vielfältig zu sein wie eine Packung Haribo Colorado. Wie geschaffen also für Naturliebhaber und Wanderfreunde. Kommt nur noch ein 3.700 Meter hoher Berg dazu – der höchste Spaniens. Perfekt. Teneriffa: Wir kommen.

Teneriffa – Wanderparadies der vielfältigsten Gegensätze

Gesagt, getan. Wir buchten Flüge und mieteten ein kleines Häuschen im Norden in der Nähe von Icod de los Vinos. Der ideale Ausgangpunkt für Wanderungen in allen Teilen und Gebirgen der Insel. Und genau das wollten wir auch: Die ganze Insel in all ihrer Vielfalt und Gegensätzlichkeit erkunden. Denn wie beschreibt es der Reiseführer doch so schön: „Teneriffa ist die Insel der Kontraste – Sonnenbaden im Meer, während auf dem Teide-Gipfel zuweilen Schnee fällt und sich pechschwarze Lavawüsten, helle Tuffstein-Felder und bizarre Felsformationen, abwechseln. Durchzogen von ausgedehnten Lorbeer- und Kiefernwälder, senkrechten Steilküsten oder schwarzen Sandbuchten und immergrün blühenden Gartenlandschaften.“

Nach etwa fünf Stunden Flugzeit erreichen wir das Kleinod des ewigen Frühlings. Keine halbe Stunde später sitzen wir dann in unserem kleinen weißen Mitwagen und machen uns auf den Weg zu unserer Ferienwohnung. Je weiter wir kommen, desto grüner wird es und umso mehr verändert sich die Vegetation mit jedem gefahrenen Kilometer. Die Temperaturen sinken gegenüber dem Süden um ganze sieben Grad – und das bei gleicher Höhe. Wolken ziehen auf und die Sonne versteckt sich. Am Ziel angekommen ist es dennoch Liebe auf den ersten Blick. Eine herzliche Señora begrüßt uns und wir erholen uns von den Strapazen unserer Anreise – mit Blick aufs Meer.

Von Pinienwäldern, Quad-Unfällen und hausgemachtem Ziegenkäse

Unser erster Wandertag führt uns in den südlichen Teil der Insel an den Südhang der Caldera de las Cañadas, einem vulkanischen Einsturzkessel mit ca. 17 km Durchmesser. Von Vilaflor, einem kleinen Touristendorf auf etwa 1.500 Metern Höhe, brechen wir zum Einstieg zu einer gut 2,5 stündigen leichten Wanderung auf. Hier in der Gegend werden vor allem Kartoffeln und Wein angebaut, aber auch Feigen, Mandeln und Zitrusfrüchte. Zwischen lieblichen Pinienwäldern, Kiefern und Ginster schlängelt sich unser Weg zumeist auf sandigem Untergrund durch ein ausgetrocknetes Flussbett gemütlich über eine Höhendifferenz von 250 Metern auf und ab. Wir passieren dabei imposante schwarze Wände aus Vulkangestein, verfallene Fincas und Kartoffelfelder, genießen die Natur und sind mit uns und der Welt im Reinen. Doch Motorengeräusche zerreißen jäh die Stille und irgendwie beschleicht uns sofort eine seltsame Vorahnung. Das Ende vom Lied? Wir leisten einer jungen Amerikanerin erste Hilfe, die auf dem sandigen und mit Felsbrocken überzogenen Weg von ihrem Quad gestürzt ist und sich dabei eine schwere Platzwunde am Kopf zugezogen hat. Was für ein Start in den Urlaub.

Nachdem wir den Schock einigermaßen verdaut haben, beschließen wir den nächsten Tag im äußersten Nord-Osten der Insel zu verbringen. „Das Anagagebirge übt aufgrund seiner Ursprünglichkeit eine besondere Faszination auf Wanderer aus“ lässt uns der Reiseführer wissen. Das soll sich auch für uns bewahrheiten. Auf einer Wegstrecke von etwa 10 Kilometern mit einer Höhendifferenz von rund 400 Metern präsentiert sich die mannigfaltige Vegetation Teneriffas von einer ihrer schönsten Seiten. Die Berge sind kantiger und grüner, die Gipfel schroffer und zackiger, die Schluchten tief und schmal. Während unserer rund dreistündigen Tour begegnet uns keine Menschenseele. Wir genießen die Abgeschiedenheit zwischen „Mickey Maus“-Kakteen, dichtem Lorbeerwäldern und verlassenen Weilern – so könnte das Leben ruhig immer sein.

Tag vier unserer Rundtour führt uns schließlich ins Teno-Gebirge im Nord-Westen von Teneriffa. Ziel unserer Wanderung ist Teno Alto, eines der ursprünglichsten und abgeschiedensten Örtchen der Insel. Dabei gilt es insgesamt rund 13 Kilometer und 600 Höhenmeter zu bewältigen. Wir starten von El Palmar, das vor allem aufgrund seines „angeknabberten“ Berges zu vermeintlicher Berühmtheit gelangt ist. Denn die ehemalige Abbaustelle für Baumaterialien sieht so aus, als hätte man riesige Kuchenstücke aus dem Berg geschnitten. Je näher wir Teno Alto kommen, desto schlechter wird auch das Wetter. Die feucht-kühlen Passatwolken machen den Aufenthalt hier selbst während der Sommermonate mitunter etwas unwirtlich. Im Dörfchen angekommen flüchten wir daher vor leichtem Nieselregen und dicken Wolken in eine rustikale Bar, wo wir uns mit Kaffee und dem inseltypischen „queso blano“ aus Ziegenmilch für den rund 2,5-stündigen Rückweg stärken. Unsere Route führt uns über die  Wetterscheide zwischen Nord und Süd sowie  die viel gerühmte „Windkurve“ zurück nach El Palmar. Dabei präsentieren sich uns die zwei Gesichter Teneriffas auf eindrückliche Weise. Die  Grenze zwischen Nord und Süd scheint hier nahezu unwirklich, fast wie auf dem Reißbrett entstanden zu sein. Während uns auf der linken Seite des Grades – und damit der Nordseite der Insel – der Wind nur so um die Ohren pfeift und die Vegetation durch das satte Grün von Lorbeer, Baumheide und Co. dominiert wird, präsentiert sich die karge Südseite mit ihren Kakteen und Agaven nahezu windstill. Voll mit Eindrücken gönnen wir uns am nächsten Tag eine kleine Pause und widmen uns den kulinarischen Seiten Teneriffas: Nach einem Stadtbummel durch Garachico geht’s anschließend zum Riesen-Dorade-Vertilgen in Igueste de San Andres.

Star Wars Welten und Orgelpfeifen – unterwegs im Vulkangebiet

Unser Ziel am sechsten Tag unserer Reise sind die Los Organos, die sogenannten „Orgelpfeifen“. Die fünfstündige Runde zu den eindrucksvollen Felsgebilde hoch über dem Orotavatal gilt als einer der Klassiker auf Teneriffa und erfordert an einigen Stellen ein  Mindestmaß an Trittsicherheit und Schwindelfreiheit. Bei angenehmen 20 Grad und Sonnenschein wandern wir auf dem Höhenweg zwischen Kiefern und Moosen auf und ab. Mal mit Blick über das bezaubernde Orotavatal sowie das Meer, und mal auf den berüchtigten Pico del Teide. Übrigens: Um den höchsten Berg Spaniens besteigen zu können, bedarf es erst einer offiziellen Genehmigung, die spätestens einen Tag vorher im  Internet einzuholen ist. Wir wollten erst einmal abwarten und dann spontan entscheiden, ob wir die rund siebenstündige Tour auf uns nehmen wollten. Diese Rechnung hatten wir allerdings ohne die Seilbahn und die zahlreichen Touristen gemacht, die so bequem den 3.708m hohen Gipfel erklimmen. Als wir uns registrieren wollen, müssen wir allerdings feststellen, dass es keine freien  Plätze mehr gibt. Etwas enttäuscht begraben wir daher unser Vorhaben. Als Alternative bietet sich der Pico Viejo und seinen 3.134 Höhenmetern an, der kleine Bruder des Teide.

Der nächste Tag beginnt jedoch leider anders als erhofft. Statt Sonnenschein wie am Vortag ist der Himmel wolkenverhangen und es nieselt. Die 1,5 Stunden bis zum vermeintlichen  Startpunkt unserer Tour werden ein wahres Wechselbad der Gefühle und führen uns die Vielfältigkeit und Absurdität des teneriffischen Wetters eindrucksvoll vor Augen. Während wir in den letzten Tagen die Wolken in Icos de los Vinos auf dem Weg nach oben zumeist hinter uns lassen konnten, wird es diesmal von Höhenmeter zu Höhenmeter zunehmend schlechter. Je näher wir dem Teide-Nationalpark kommen, der mit seinen erloschenen Vulkanen einst George Lucas als Kulisse für seine Star Wars Filme diente, umso dicker werden die Wolken. Der Regen wird immer stärker und die Temperaturen fallen auf gerade einmal Null Grad. Wir entscheiden uns erst einmal um den Teide herumzufahren und dann vo Ort zu entscheiden. Schließlich liegt der Pico Viejo ja etwas mehr im Süden und dort ist das Wetter bekanntlich immer deutlich besser. Und tatsächlich. Mit einem Mal reißt die Wolkendecke abrupt auf und strahlender Sonnenschein mit freiem Blick auf den majestätischen Teide erhellt unsere Gemüter. Das wird heute doch noch etwas mit dem 3000er.

Doch zu früh gefreut. An unserem Startpunkt angekommen müssen wir unser Vorhaben schweren Herzens doch noch aufgeben. Der geplante Weg über die Westflanke ist mit  dunklen Wolken verhangen und der Wind pfeift uns nur so um die Ohren. In unserem Wanderführer wird ausdrücklich davor gewarnt, den Berg bei solchen Bedingungen zu besteigen. Aufgrund der fehlenden Beschilderung kann man bei Nebel schnell die Orientierung verlieren. Kurzerhand fassen wir den Gipfel des gegenüberliegenden Guajara (2.718m) ins Auge. Keine halbe Stunde später stehen wir am Parkplatz des Parador Nacional, schultern die Rucksäcke und machen uns auf den Weg. Während einige andere Wanderer aufgrund von Wind, Kälte und Regen lieber doch den Aufstieg abbrechen, kämpfen wir uns weiter über Vulkangestein durch den dicken Nebel. Mehr als die Hand vor Augen können wir unterwegs dabei kaum noch sehen. Doch unser Durchhaltevermögen soll belohnt werden. Nach gut zwei Stunden erreichen wir den Gipfel des Guajara und können bei strahlendem Sonnenschein den Blick auf den legendären Teide genießen, der bereits Alexander von Humboldt im Jahr 1799 in seinen Bann gezogen hat. Und genau in diesem Moment ist für uns die Sache klar: Teide, nimm dich in Acht! Wir kommen wieder.

Ein paar weitere Wandertipps gibt’s auf dem Hiking-Blog.

Ein Kommentar zu
Reisebericht – Teneriffa: Wo sich Vulkangestein und Meeresrauschen gute Nacht sagen

  1. Carola kommentierte:

    Das hast du richtig schön geschrieben! Und dich vorher belesen, was die Pauschal-Touristen im Süden wohl eher nicht tun. Aber so findet man sicher eher Zugang zu fremden Gefielden und kann auch von einer Woche Urlaub viel haben. Intensiver halt!

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