Rezension – Bergwelten Verlag / Marlies Czerny 4000erLEBEN – von Null auf die (82) höchsten Gipfel der Alpen


 
10.05.19
 

Wie sich ein alpines Greenhorn innerhalb von nur 6 Jahren auf das Matterhorn und 81 weitere 4.000er Gipfel der Alpen emporarbeitete, kann man in dem im April 2019 erschienenen Buch “4000erLEBEN – von Null auf die höchsten Gipfel der Alpen” von Marlies Czerny nachverfolgen. Aufmerksam geworden sind wir auf diese Ausnahme-Alpinistin im Rahmen der Trostberger Filmtage, bei denen die oberösterreichische Journalistin gemeinsam mit ihrem Seil- und Lebenspartner Andi Lattner im Zuge eines Multivision-Vortrags ihr bisher größtes Lebensprojekt vorstellte. Ein waghalsiges Projekt, in das sich die einstige Einsteigerin mit viel Herz und sprichwörtlich “kindlicher Blauäugigkeit” regelrecht hineinstürzte. Mit dem Ergebnis, dass am Ende nicht nur ein fluffig-leichtes Bergsteigerbuch daraus hervorging, sondern mit Hochzwei.media sogar eine eigene kleine Kreativagentur.

Gipfelglück hoch 82 – auf allen Viertausendern der Alpen

Die Journalistin Marlies Czerny arbeitete jahrelang hauptberuflich für Tageszeitungen und Magazine in Österreich und der Schweiz. Zwischen Großereignissen wie Ski-WM und Beachvolleyball-Grand-Slam begann sie vor zehn Jahren als Ausgleich zum Schreibtischjob mit dem Wandern und lernte die Berge, das Klettern und Paragleiten lieben. Mittlerweile ist sie staatlich geprüfte Instruktorin für Hochtouren und Skitouren und ist eine der ersten Frauen, die alle 82 Viertausender der Alpen erfolgreich bestiegen hat. Was anfangs nur als Zeitvertreib herhalten musste, weil sie zu viel Urlaub hatte, wurde am Ende zu ihrem persönlichen Lebensprojekt. In ihrem Buch lässt sie den Leser nicht nur an ihren Touren teilnehmen – sie erzählt frisch und ehrlich, wie die höchsten Gipfel der Alpen ihr Leben verändert haben.

© Bergwelten

So finden sich darin sowohl wahre Geschichten von Blind Dates mit männnlichen Seilpartnern als auch Annekdoten über Unfälle und lebensgefährliche Momente an Orten, wo nur die wenigsten Menschen einen Fuß hinsetzen. Dabei geht die Autorin darauf ein, wie die gelernte Journalistin mithilfe des Bergsteigens ihre Work-Life-Balance wiederherstellt, dann die Wahrnehmung und schließlich ihr komplettes Leben verändert. Die Mischung aus Touren- und Erfahrungsberichten über die Besteigung der höchsten Gipfel der Alpen wird flankiert durch zahlreiche Ausflüge über alpinistisches Basiswissen und Geschichten rund um Berge, Täler und Gratwanderungen. Auf diesem Wege begleitet der Leser die Autorin an Orte, wo nicht mehr um To-Dos und Deadlines zählen, sondern Freiheit, Ruhe, Achtsamkeit und Selbstvertrauen. Orte, wo die gebürtige Oberösterreicherin nach langer Suche nach dem richtigen Seilpartner schließlich den Menschen fürs Leben findet. Im Interview mit Bergwelten berichtet die Autorin Marlies Czerny über ihren Aufstieg vom Greenhorn zum Matterhorn.

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Das Fazit von Veit: Alles andere als ein Bergsteiger-Tagebuch mit stupide aneinander gereihten Tourenberichten

Wenn keine Geringere als Extrembergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner die einleitenden Worte schreibt, dann sollte das doch als Qualitätsprädikat für das Erstlingswerk einer bergsteigenden Journalistin eigentlich ausreichen. Und wer jetzt glaubt, dass man 82 Tourenberichte über die Besteigung von 4.000er Gipfeln in komprimierter Form serviert bekommt, der hat die Rechnung nicht mit Marlies Czerny gemacht. So sympathisch wie die oberöstereichische Alpinistin auf der Bühne über ihre Erlebnisse am Berg berichtet, so locker-flockig plaudert sie auch in ihrem Buch über die zahlreichen Erlebnisse, arschkalten Biwaknächte und unvergesslichen Glücksmomente. Irgendwie mag man es kaum glauben, dass diese kleine Dame innerhalb so kurzer Zeit den Weg vom Schreibtisch auf die höchsten Berge der Alpen gefunden hat, ohne dabei auch nur einmal wirklich zu Scheitern. Denn dank viel Optimismus, etwas Glück und versierten Seilpartnern gelang der Autorin das, woran manche nicht einmal im Traum denken würden.

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Ehrlich und offen berichtet sie aber auch über kritische Momente, Augenblicke des Zweifelns und persönliche Grenzen. Aber genauso macht sie dem Leser Mut, selbst die Bergstiefel zu schnüren und wider aller Unkenrufe die eigenen Ziele konsequent zu verfolgen. An manchen Stellen mag man die etwas blauäugige und kindliche Naivität in Frage stellen, aber am Ende überwiegt dann doch die Anteilnahme und Freude. So ist das Buch keine bloße Aneinanderreihung der Höhepunkte von A(letschhorn) bis Z(umsteinspitze), sondern quasi ein “BestOf” der skurrilsten, schönsten und beeindruckendsten Erlebnisse auf dem Weg zum Ziel. Dabei gelingt Marlies Czerny fast immer der schwierige Balanceakt zwischen illustrativen Erzählungen, informativen Fakten und persönlichen Annekdoten. An manchen Stellen mag man etwas die Übersicht verlieren, an welchem Gipfel sich die Alpinistin gerade eigentlich befindet. Aber irgendwie steht man am Ende jedes der 15 Kapitel dann doch gemeinsam mit ihr ganz oben und teilt die pure Freude des Gipfelsiegs.

Mein Gesamtfazit: Das Erstlingswerk von Marlies Czerny ist keine klassische Ansammlung von Tourenberichten oder gar ein Tagebuch über die Besteigung von 82 Gipfeln. Vielmehr ist es eine ganz persönliche Rükschau auf die zehnjährige Entwicklung vom Büroalltag hin zum unstillbaren Gipfelfieber. Zwar verliert man sich als Leser manchmal in den unzähligen Anstiegen, findet  am Ende aber wieder auf den richtigen Weg zurück und hat am Ende irgendwie das Gefühl, selbst dabei gewesen zu sein. Leider fehlt es im Buch ein wenig an beeindruckendem Bildmaterial – und davon gibt es jede Menge, wie wir beim Multivisionvortrag in Trostberg feststellen konnten. Vielleicht findet ja die ein oder andere Aufnahme noch den Weg in die nächste Auflage.

Die Details:
Verlag:
BERGWELTEN Verlag, 1. Auflage 2019
Autor: Marlies Czerny
Format:
21 x 14.5 cm
Inhalt:
272 Seiten, Hardcover, inkl. farbige Abbildungen und Fotos
EAN: 9783711200006
Preis: 22,- Euro

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