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Stefan Glowacz – Interview Der Extremsportler spricht vor seiner Abreise über die Expedition nach Venezuela


 
09.11.10
 

„Es wird schmerzhaft und bitter“ – Stefan Glowacz spricht kurz vor seiner Abreise über die besonderen Herausforderungen der Expedition nach Venezuela.

Profikletterer Stefan Glowacz und sein Partner Holger Heuber haben eine Mission. So bezeichnet Glowacz die Expedition ins Dreiländereck von Brasilien, Venezuela und British Guyana, zu der sie heute aufbrechen. Am Tafelberg Roraima Tepuis wollen sie vollenden, was sie im Frühjahr begonnen haben: die Erstbegehung der Wand La Proa. Mehr denn je wird die emotionale Verfassung über Erfolg und Misserfolg entscheiden. Denn der langjährige Begleiter Kurt Albert wird anders als im Frühjahr nicht dabei sein. Die Kletterlegende starb nach einem Unfall an einem Klettersteig Anfang Oktober. Kurz vor seiner Abreise spricht Glowacz über seinen Freund, die Vorfreude und den Druck von außen.

Foto: Klaus Fengler

Herr Glowacz, im Frühjahr haben Sie die Wand bis zur Hälfte durchstiegen. Die Kletterausrüstung haben Sie zurückgelassen – auch Kurt Alberts Material. Wie wappnen Sie sich für den Moment, wenn Sie an diese Stelle zurückkommen?
Darauf kann man sich nicht vorbereiten. Es wird sich zeigen, wie jeder von uns mit der Situation umgehen wird. Sicher ist nur: Es wird schmerzhaft und bitter. Vor allem für Holger. Kurt und er waren wie Brüder.

Kurt Albert war fest für diese Expedition eingeplant. Es wäre Ihre neunte gemeinsame Unternehmung gewesen. Er wird wohl ständig präsent sein.
Und das ist in Ordnung. Wir wollen ihn nicht ausblenden. Die große Herausforderung wird sein, das während der Expedition zu verarbeiten und mit den Gefühlen zurecht zu kommen.

Was überwiegt vor diesem traurigen Hintergrund in diesen Tagen: Die Vorfreude auf die neue Reise oder die Trauer, dass Kurt Albert nicht dabei sein kann?
Trotz allem ist die Vorfreude groß. Ich bin ein moderner Nomade. Ich freue mich immer auf die Abreise und auf die Entdeckung von Gegenden, an denen noch kein anderer war. Holger und ich haben uns bewusst entschieden, die Besteigung im Sinne von Kurt an diesem besonderen Ort zu vollenden.

Was macht diesen besonderen Ort so speziell?
Zum einen ist das Klettern einfach großartig an diesem vielseitigen Fels mit Griffen und Rissen. Zum anderen gibt es da diese unbeschreibliche Atmosphäre mitten im Dschungel und den Tafelbergen, die aus dem Urwald herausragen. Sie haben ganz eigene Gesetze.

Das haben Sie ja im Frühjahr erlebt. Warum mussten Sie umdrehen?
Das Wetter war ungewöhnlich schlecht für diese Zeit. Es hat tagelang nur geregnet, wir konnten nichts machen außer in der Wand auf Besserung zu warten. Die Vorräte sind uns ausgegangen und wir mussten zurück. Dieses Mal sparen wir uns zumindest den langen Anmarsch durch den Dschungel von British Guyana. Nur vier Tage dauert es, bis wir an der Wand sind. Wir seilen uns von oben her bis kurz unterhalb der Stelle ab, an der wir abbrechen mussten.

Haben Sie ein inneres Gefühl, das Ihnen sagt: „Dieses Mal wird es klappen.“?
Nein, ich lasse es einfach auf mich zukommen und freue mich unheimlich auf die Kletterei. Aber man muss auch ehrlich sagen: Wir können diese Expedition nicht ganz so locker und entspannt angehen wie manch’ andere. Wir stehen unter Druck. Denn zusätzlich wollen wir einen Kinofilm produzieren. Im November, spätestens Dezember 2011 soll er erscheinen.

Inwiefern beeinflussen die Filmaufnahmen die Expedition?
Allein das Team ist mit acht zusätzlichen Mann viel größer. Hinzu kommt, dass bei der Kletterei manche Szenen mehrmals gedreht werden müssen, bis die richtige Einstellung gefunden ist. Und es wird noch wichtiger, das Ziel zu erreichen.

Der Film wird aber doch auch erscheinen, wenn Sie es nicht schaffen, oder?
Natürlich. Auch das ist Bestandteil der Mission. Es ist nicht so, dass wir auf jeden Fall als eine Art Helden zurückkommen werden und das im Film gezeigt wird. Auch wenn wir scheitern, wird der Film das dokumentieren.

Wie wird er heißen?
Das wissen wir noch nicht.

Und haben Sie schon einen Namen für die Route an der La Proa, wenn sie die Erstbegehung schaffen?
Auch das haben wir uns noch nicht überlegt. Wir werden aber sicher nicht pathetisch werden und eine Bezeichnung wie den ,Kurt-Albert-Gedächtnis-Weg‘ wählen. Das würde ihm auch gar nicht gerecht. Ich kann mir aber schon vorstellen, dass wir etwas in Anlehnung an Kurt finden werden.

Quelle: Stefan Glowacz

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