Testbericht – Tatonka Skill: Vor- und Nachteile des rückenfreien X Vent Zero-Tragesystems für Rucksäcke

von | 19. August 2016 | Allgemein, Bergsteigen, Testberichte

Bei sommerlichen Temperaturen steigt nicht nur die Lust an Frischluft und Wandertouren, sondern zugleich auch der Frust was den Hitzestau am Rücken betrifft. Denn bei anstrengenden Anstiegen kann überschüssige Körperwärme nicht abtransportiert werden und verschwitze Shirts sind die Folge. Klassische Rucksäcke liegen in der Regel recht körpernah an und bieten zumeist kaum bis gar keine Ventilationsmöglichkeiten. Abhilfe schufen die Hersteller mit aufgespannten Backpacks, deren Rückenpartie mit einem robusten Mesh-Netz bespannt sind, um für den nötigen Luftaustausch zu sorgen. Aber selbst diese Konstruktion sorgt bei besonders heißblütigen Bergsportlern nur bedingt für die gewünschte Abkühlung. Der Rucksackspezialist Tatonka wollte das „kontaktlose Prinzip“ noch auf die Spitze treiben und entwickelte ein vielversprechendes Tragesystem, das mehr oder weniger auf eine Aufliegefläche als solche verzichtet.
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Nachdem wir mit dem neuen Mountain Pack von Tatonka ein eher alpines Modell getestet hatten, haben wir nun den leichten Wanderrucksack Skill durch die Berge getragen. Der Backpack ist mit mit einem neuartigen Tragesystem ausgestattet, dass auf den direkten Rückenkontakt verzichtet und dadurch beste Ventilationseigenschaften verspricht. Umso mehr waren wir gespannt, ob der luftig-leichte Lastenträger überzeugen konnte.

Tatonka Skill – leichter Rucksack mit luftiger Rückenfreiheit:

Der einzige Kontakt zwischen Rücken und Rucksack sind zwei schmale Gurtbänder. Das Resultat laut Hersteller: Hervoragende Belüftung und optimales Abdampfen der Schwitzfeuchtigkeit. Die leichten und mit dem OutDoor Industry Award ausgezeichneten Wanderrucksäcke Skill und Livaz von TATONKA sollen vor allem durch beste Ventilation auf Tagestouren und Kurztrips überzeugen. Gleichzeitig verbinden sie laut Hersteller eine ideale Lastenübertragung mit sicherem Sitz am Rücken. Hierfür sorgt demnach das innovative X Vent Zero-Tragesystem, dank dem auf eine herkömmliche Netzkonstruktion verzichtet werden kann. Hierfür stehen zwei schmale Gurtbänder in Verbindung mit zwei X-förmig am Rücken des Rucksacks angebrachten Fiberglasstäben, wodurch eine möglichst minimale Kontaktfläche für eine optimale Lüftung sorgen soll. Und wer es doch einmal etwas körpernäher mag, kann das stufenlos einstellbare System auch näher zum Rücken hinziehen. Das Modell Livaz besitzt zudem noch einen speziell auf die weibliche Ergonomie angepassten frauenspezifischem Schnitt.
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Sowohl die Schultergurte als auch die Hüftgurte sind mit luftdurchlässigem Material ausgestattet, um ein Maximum an Tragekomfort zu garantieren und ein optimales Körperklima zu gewährleisten. Der Packsack selbst besteht aus sehr leichtem aber dennoch reißfestem T-Square Rip Light, das einen kurzen Regenschauer durchaus standhalten kann. Zu den wichtigsten Ausstattungsmerkmalen zählt neben dem geräumigen und über einen RV teilbaren Hauptfach mit integriertem Rückenfach zum Verstauen des Trinksystems auch eine weitere RV-Fronttasche sowie zwei seitlich platzierte Taschen aus flexiblem Material für den schnellen Zugriff auf eine Trinkflasche oder andere Utensilien. Hinzu kommen noch Kompressionsriemen und Befetigungslaschen, eine Wanderstockhalterung, ein höhenverstellbarer Brustgurt mit Signalpfeife sowie eine im Bodenfach integrierte Regenhülle. An Packvolumen fässt der Skill insgesamt 29 Liter, während das Modell für die Damen 23 Liter Platz bietet. Auch in punkto Gewicht spart der Livaz ein wenig ein und bringt mit 940 Gramm gegenüber 1,05 kg beim Skill ein paar Gramm weniger auf die Waage.
Über das RückensystemX Vent Zero-System
Das X Vent Zero-System bietet laut Tatonka maximale Kontrolle und bestmögliche Belüftung bei minimalem Kontakt mit dem Rücken. Zwei x-förmig angebrachte, offen auf dem Rücken des Packsacks aufliegende Fiberglasstäbe stellen in Verbindung mit den Gurtbändern eine tragende Verbindung zum Packsack her. Das System kann zudem stufenlos auf- und abgespannt und somit individuell auf die persönlichen Anforderungen eingestellt werden. Entspannt man das System komplett, kann der Rucksack auch kraftschlüssig nah am Rücken positioniert werden. Durch die konsequente Reduzierung von Materialien und den Verzicht auf ein Rückennetz wird jeder mit dem neuartigen Tragesystem ausgerüstete Rucksack zum Leichtgewicht mit einer herausragenden Ventilation.
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Das af-Testurteil: Interessantes Konzept aber funktional noch nicht ganz ausgereift
Der Skill ist ein leichter Rucksack für einfache Tages- und ausgedehnte Trekkingtouren, der vor allem hinsichtlich Gewicht punkten kann. Auch das Volumen von 29 Litern fällt gefühlt noch größer aus, da durch den schlau platzierten Top-RV und den Verzicht auf einen Deckel das Maximum an Platz herausgeholt werden kann. Soll heißen: Der Daypack schluckt überraschend viel an Gepäck, das dann über das zweigeteilte Hauptfach auch noch separat verstaut werden kann – zum Beispiel Schmutzwäsche getrennt von frischer Bekleidung. Auch die Tragegurte liegen gut auf den Schultern auf, drücken nicht und bieten eine gute Dampfdurchlässigkeit. Ebenso positiv zu bewerten ist das umgelenkte Zugsystem, welches das Einstellen und Anpassen des Hüftgurts deutlich erleichtert. Bleibt noch das Material des Rucksacks, das zwar auf den ersten Blick recht anfällig und dünn erscheint, letztendlich aber strapazierfähiger und robuster daherkommt als erwartet. Praktisch ist auch die im Bodenfach integrierte Regenhülle sowie die flexiblen Seitentaschen, wobei sich hier die Frage stellt ob das flexible Material mit der Zeit ausleiert.
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Kommen wir nun zu den eher negativen Punkten des Skills. Wie schon beim ebenfalls von uns getesteten Glacier Point von Tatonka konnte uns auch diesmal das neuartige Tragesystem nicht zu 100% überzeugen. Irgendwie wollen Rücken und Backpack keine harmonische Einheit bilden und drücken die zwei Spannriemen je nach zu tragender Last mal mehr oder weniger unangenehm am Rücken. Zwar mag es an heißen Tagen recht angenehm sein, dass für stets für Frischluft gesorgt ist, allerdings leiden dadurch auch die Lastenverteilung und der Tragekomfort. So verteilt sich der Schwerpunkt des Rucksacks nicht längs der Köperachse, sondern schwingt nach unserem Empfinden seitlich aus und kann in schwierigen Passagen unter Umständen sogar das Gleichgewicht beeinträchtigen. Auch die Rückenlänge eignet sich eher für vom Oberkörper her kürzer geratene Frischluftfreunde. Zumindest saß der Hüftgurt des Skill der Testperson (1,74m und ca. 52 cm Rückenlänge) stets nur knapp oberhalb des Hüftknochens, wodurch die Last selbst bei ungespanntem Tragesystem hauptsächlich auf den Schultern lag. Ebenfalls kritisieren müssen wir die zwischen den Tragegurten mittig platzierte Öffnung fürs Trinksystem, wodurch der Schlauch unangenehm auf die Schulterpartie drückt.
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Die Vor- und Nachteile im Überblick:

Wer auf der Suche nach einem leichten Daypack ist, viel Wert auf eine gut belüftete Rückenpartie legt und eher eine kurze Rückenlänge besitzt, findet im Skill einen durchaus funktionalen Begleiter. Für anspruchsvolle Bergtouren mit schwerem Gepäck eignet sich der Rucksack unserer Meinung nach nicht, fallen die Lastenverteilung und die Verlagerung des Schwergewicht doch eher suboptimal aus.
+ großzügiges Platzangebot
+ weich gepolsterte Tragegurte
+ gute Durchlüftung am Rücken
+ zweifach geteiltes Hauptfach
– Trageriemen drücken am Rücken
– mittig platzierte Öffnung fürs Trinksystem
– relativ kurze Rückenlänge
– suboptimale Lastenverteilung
Tatonka Skill & Livaz – die Details:
Besonderheiten: ergonomisch geformte, gepolsterte und belüftete Schultergurte (beim Damenmodell Livaz zusätzlich mit frauenspezifischem Schnitt), umgelenkter Hüftgurt-Zug, belüfteter Hüftgurt, integrierte Regenhülle im Bodenfach
Material: T-Square Rip Light, 450 HD Polyoxford
Tragesystem: X Vent Zero-Tragesystem
Volumen: 29 Liter (Skill) / 23 Liter (Livaz)
Maße: 57 x 25 x 19 cm (Skill) / 52 x 23 x 17 cm (Livaz)
Gewicht: 1,05 kg (Skill) / 940 g (Livaz)
Farben: olive, red oder black (Skill) / bronze, bright blue oder black (Livaz)
Preis: 130,- Euro (UVP)