Lawinencamp Bayern - Hanglagenvermessung mit Hilfe topografischem Kartenmaterials

Tutorial 1 – Lawinencamp Bayern Achtung Lawinengefahr – Lawinenkunde für mehr Sicherheit im Tiefschnee


 
21.12.12
 

Die Skitourensaison steht wieder vor der Tür und damit leider auch das Thema Lawinengefahr abseits der Piste. airFreshing war letztes Jahr beim Lawinencamp Bayern dabei und konnte sich wertvolles Wissen bzgl. der mit dem Freeriding und Skitourengehen verbundenen Gefahren aneignen. In unserer neuen Serie stellt Alexander Römer (staatl. geppr. Ski- und Bergführer) vom Lawinencamp Bayern die wichtigsten Fakten sowie die nötige Ausstattung vor, die für mehr Sicherheit bzw. einer besseren Beurteilung der Risiken beim Tourengehen unabdingbar sind.

Achtung Lawinengefahr!

Jeden Winter berichten die Medien über jeden noch so kleinen Lawinenunfall in den Alpen und die alpine Fachliteratur stellt konsequent die wesentlichen Details über die bekannten Lawinen-Gefahrenquellen heraus, um so viele Skitouren- und Schneeschuhgänger wie möglich zu sensibilisieren. Trotzdem kommt es jedes Jahr zu weit über hundert Lawinenopfern in den Alpen. Unwissenheit und Selbstüberschätzung der Tourengeher sind meist die Ursache.

Die Gefahr abseits der Skipiste von einem Schneebrett erfasst zu werden wird von vielen Wintersportlern nicht ernst genommen, geschweige denn richtig eingeschätzt. Viel zu häufig stützt man sich auf Halbwissen oder vorausgehende Personen, ohne sich selbst über die Gefahren und Risiken ein Bild gemacht zu machen. Mal Hand auf ´s Herz, wer macht sich schon auf Tour die Mühe, bei einem kleinen „Rutsch“ die Situation vor Ort zu analysieren, auszuwerten und sich anschließend für oder gegen eine Fortsetzung der Tour zu entscheiden? Natürlich kann man sagen: „Mir ist ja noch nie etwas passiert!“ Aber positive Erfahrungen im Bergsport, wo bei bestem Wetter alles wie am Schnürchen verlief, sind nicht das ideale Maß, um sich vor der nächsten riskanten Situation zu schützen. Im Gegenteil: Je häufiger man ohne das nötige Hintergrundwissen im winterlichen Gebirge unterwegs ist, desto höher ist das Risiko in eine heikle Lawinensituation zu geraten. Leider trifft man auf viel zu viele „erfahrene“ Tourengeher, die ohne LVS-Gerät unterwegs sind mit einer Begründung, die noch haarsträubender ist: „Wir gehen nur dort auf Tour, wo es keine Lawinen gibt“. Das kurze Gespräch fand bei Lawinenstufe 3 in einem Auslauf eines schattenseitigen Hanges statt, der an seiner steilsten Stelle weit über 30 Grad aufgewiesen hat.

Das Fatale an diesen Fehlentescheidungen ist, dass sich gerade Anfänger an bereits vorhandenen Spuren orientieren und sich damit in eine erhöhte Gefahrensituation begeben, in dem Glauben „da waren ja bereits Tourengeher unterwegs, das muss sicher sein“.

Vorbereitung ist der beste Schutz

Die perfekte Vorbereitung beginnt immer schon zu Hause und nicht erst beim Anlegen der Felle. Wer ohne die wesentlichen Touren-Informationen startet, handelt schlichtweg grob fahrlässig. Im Zeitalter des Internets sind alle wichtigen Daten wie Lawinenlagebericht, Wetterbericht, Schneehöhen und oft sogar eine „aktuelle“ Beschreibung der Tour in wenigen Minuten eingeholt. Doch Vorsicht! Nicht alle Internetportale bieten aktuelle, geschweige denn objektive Beschreibungen der Bergtouren an. Am besten verlässt man sich hier nach wie vor auf gute Führerliteratur. Hat sich das Vorbereitungsritual einmal verinnerlicht, macht es genau so viel Spaß, wie die Abfahrt im knietiefen Pulver und ist im Handumdrehen erledigt.

Das „Vorbereitungsritual“ muss  folgende Punkte beinhalten:
Lawinen- und Wetterverhältnisse vor Ort: Hierbei zählt nicht nur der momentane Status, sondern unbedingt auch die Verhältnisse der vergangenen Tage mit einbeziehen!

Geländebeurteilung: Anhand der Führerliteratur suchen wir uns die Bergtour nach den maximal auftretenden Schwierigkeiten sowie den persönlichen Wünschen und dem eigenen Können heraus. Mit der topografischen Landkarte im Maßstab 1:25000 erarbeiten (beschriften) wir die neuralgischen Gefahrenstellen, wie z.B. steilster Hangabschnitt, Schattenhänge, steile Rinnen und Mulden, in Bezug auf die momentane Lawinengefahr, sowie etwaige Ausweichziele.

Menschen: Wer kommt mit auf Tour? Dies ist häufig einer der unterschätzten Faktoren. Dabei muss jede Unternehmung bereits im Vorfeld auf den schwächsten Tourengeher abgestimmt sein. Es macht keinen Sinn, eine Route mit 1000 Höhenmeter im Aufstieg und sehr steilen Hangpassagen auszuwählen, wenn ein Mitglied der Gruppe das erste Mal auf Tourenskiern steht. Abgesehen von einem erhöhten Risiko, auch bei besten Verhältnissen, könnte sich die Faszination des Tourenskigehens für den ein oder anderen damit schnell erledigt haben.

Interpretation Lawinenlageberichtes (LLB)

Wie wichtig das genaue Lesen eines LLB ist, zeigen die Auswertungen der Lawinenunfälle in Bezug auf den für den Unfalltag aktuell ausgegebenen LLB. In den allermeisten Fällen waren die akuten Gefahrenstellen im LLB deutlich aufgezeigt. Schon allein deshalb gilt: Niemals ohne den aktuellen LLB gelesen zu haben auf Tour.

Im LLB auf einen Blick

Die wichtigsten Kriterien sind im LLB durch eine farbliche und geordnete grafische Darstellung gut zu erkennen.

1. Unterteilung der Bayerischen Voralpen in 6 Regionen
2. Farbliche Darstellung der Lawinengefahr von 1-5
3. Unterteilung der Lawinengefahr nach unterschiedlichen Höhenangaben
4. Hauptsächliche Gefahrenstellen in verschiedenen Hangrichtungen mittels Windrose

Entscheidungshilfe auf Tour

Ganz gleich ob SnowCard, Stop or Go oder die 3 x 3 Filtermethode. Alle drei Strategien verfolgen das eine Ziel, das Restrisiko des einzelnen Tourengehers so klein als möglich zu halten. Welche Strategie dabei zum Einsatz kommt spielt eine untergeordnete Rolle. Wichtig dabei: Besser eine Methode perfekt beherrschen, als alle Entscheidungsstrategien ein bisschen zu kennen.

Wartung und Pflege der Sicherheitsausrüstung

Das wichtigste Utensil im Skitouren- und Schneeschuhsport ist das Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) gefolgt von Lawinenschaufel und Sonde. Regelmäßige Wartungen sind dabei Pflicht.

LVS-Geräte: Batterien müssen im Sommer aus dem Gerät entfernt werden, um etwaiges Auslaufen zu verhindern. Batterien sollten jede Saison ausgewechselt werden. Batteriestand regelmäßig und vor jeder Tour überprüfen. Aufgrund der immer komplexeren Technik sollten die angegebenen Wartungsintervalle vom Hersteller eingehalten werden (z.B. die Software Updates, siehe jeweiliger Hersteller)

Lawinenschaufel und Sonde: haben ebenfalls eine vom Hersteller maximal angegebene Lebensdauer und müssen regelmäßig, vor allem aber vor dem ersten Einsatz nach der Sommerpause, auf Funktionstüchtigkeit überprüft werden.

ABS-Rucksack: Die maximale Nutzungsdauer liegt bei 10 Jahren. Auch hier muss vor dem ersten Einsatz und nach einer langen Einlagerungszeit im Sommer eine regelmäßige Funktionsprüfung in Form einer Probeauslösung erfolgen.

Check and Ride – Erst überlegen, dann fahren!

Richtige Tourenplanung reduziert das Risiko. Der Lawinenlagebericht ist die Planungsbasis für jede Tour im Tiefschnee und mit dem Check and Ride lassen sich alle wichtigen Kriterien für die Tour festhalten.

Tutorial 1: Achtung Lawinengefahr – Lawinenkunde für mehr Sicherheit im Tiefschnee

Tutorial 2: Übung rettet Leben – gezieltes Suchen und Finden bei Lawinenunfällen

Tutorial 3:  Lawinenkunde für Skitourengeher und Freerider – Entscheidungsstrategien

Diese Serie wird betreut von Alexander Römer – Bergschulleiter, staatl. geprüfter Berg- und Skiführer sowie Veranstalter des Lawinencamps Bayern: www.lawinenkurse.de

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