Rezension – millemari. / Thomas Käsbohrer AM BERG – Bergretter über ihre dramatischsten Stunden.


 
02.08.19
 

“Diese Idioten bringen die Bergretter in Gefahr und lassen deren Angehörige absolute Todesängste ausstehen” so oder so ähnlich lauteten zahlreiche Kommentare, die man im vergangenen und lawinenreichen “Megawinter” in sozialen Netzwerken lesen konnte. Interessanterweise schwangen sich immer nur diejenigen zur Moralinstanz auf, die sich gar kein Urteil bilden konnten – weil sie entweder gar nicht selbst vor Ort waren oder schlichtweg keine Ahnung von der Arbeit der Rettungskräfte haben. Im Gegensatz zur aufgeregten Diskussion innerhalb der Gesellschaft hielten sich allerdings genau diejenigen zurück, die im Grunde genommen noch am ehesten hätten Kritik am zum Teil doch naiven Verhalten so mancher Wintersportler anbringen dürfen – die Bergretter. Doch statt zu verurteilen, konzentrierten sich die ehrenamtlichen Helfer lieber auf ihre Arbeit und übernahmen selbstlos Verantwortung. Doch was treibt Menschen dazu an, bei schwierigsten Wetterbedingungen und in lebensgefährlichen Situationen genau jenen zu helfen, die sich mehr oder weniger selbstverschuldet in eine Notlage gebracht haben? Eine Antwort darauf versucht das jüngst im millemari Verlag veröffentlichte Buch “AM BERG. Bergretter über ihre dramatischsten Stunden.” von Thomas Käsborher zu geben.

DAV Unfallstatistik 2012/2013: Bergrettung im Winter (© Bergwacht Krün)

© Bergwacht Krün

Bergwacht Bayern: “Wir sind Retter. Nicht Richter.”

Das Anfang des Jahres im millemari. Verlag erschienene Buch hält in insgesamt 33 (Kurz)Geschichten fest, was draußen in der Natur alles passieren kann und was die verschiedensten Rettungseinsätze in den Köpfen jener verändert hat, die in Not geratenen Menschen selbstlos zu Hilfe geeilt sind. Zu Wort kommen die unterschiedlichsten Menschen, die sich als ehrenamtliche Bergretter der Menschlichkeit verschrieben haben und bei Wind und Wetter ausrücken. Männer und Frauen wie du und ich: Lehrer, Schreiner, Maurer, Bodenleger, Schäfer, Ärzte, Almer und Amtsrichter. Die Jüngste gerade einmal 24 Jahre alt, während der Älteste stolze 85 Lenze zählt und noch immer aktiv am Berg unterwegs ist.

DAV Unfallstatistik 2012/2013: Bergrettung im Sommer (© Bergwacht Krün)

© Bergwacht Krün

Nach deren Erlebnissen befragt, antworten die meisten mit den Worten: “Ich hab nix zu erzählen. Ich hab ja nix Besonderes erlebt”. Doch fast alles an ihren Erlebnissen ist besonders und hinterlässt Spuren – beim Retter selbst und auch bei den Geretteten. Denn nicht selten gehen die Helfer in der Not an ihre eigenen Grenzen, um andere aus einer misslichen Lage zu befreien – sei es körperlich oder psychisch. Was Retter und Opfer verbindet, ist zumeist die ungebrochene Liebe zu den Bergen. Eine Liebe, die für so manchen zum Verhängnis wurde. Das Buch “AM BERG” erzählt von Risiken und von Fehlern. Und davon, wem Fehler passieren und wann und wie sie am Berg entstehen. Fehler, die jedem von uns unterlaufen und von denen wir ein Stück weit lernen können. So kommen neben den Bergrettern selbst auch namhafte Wetterprofis, Lawinenexperten, Risikoforscher und Psychologen zu Wort, um zu analysieren wie und warum Menschen Fehler begehen.

Über den Autor und Chronisten Thomas Käsbohrer

Der Journalist und Historiker Thomas Käsbohrer hat sich als Chronist unerzählter Leben einen Namen gemacht. Rund sechs Monate im Jahr lebt er an Bord seines Segelboots LEVJE und bereist die Küsten Europas. Als Segler entdeckte er eine tiefe innere Verbundenheit mit den Grenzgängern am Berg. So entstand das Projekt „AM BERG“ in Zusammenarbeit mit der Bergwacht Bayern. Sein neuestes Werk entstand laut eigenen Angaben aus einer Schnappsidee heraus. So stellte er sich die Frage: “Wieso nicht mit Bergrettern reden? Und Geschichten über ihre dramatischsten Momente erzählen?”.

© Thomas Käsbohrer

Nachdem dieser Gedanke eineinhalb Jahre in Köpfen herumgeisterte, wurde die Umsetzung im Sommer 2018 immer konkreter. Infolgedessen reiste Thomas Käsbohrer mit dem Zug und dem Fahrrad zu den ersten Interviewpartnern – manche nicht unweit von dessen Zuhause in Oberbayern entfernt. Bereits die ersten Gespräche mit den einzelnen Bergrettern veränderten den Autor, da die Welten von Berg- und Seesportlern doch viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Hatte er sich ein Leben lang in Bayern irgendwie fremd und andersartig gefühlt, entdeckte er plötzlich Gleichgesinnte.Damit war die Basis gelegt für ein authentisches, aber dennoch nicht wertendes Buch über die Schicksale von Helfern und in Not geratenen Menschen.

Das Fazit von Veit: Unglaublich fesselnd, menschlich und mit dem nötigen Respekt gegenüber den ehrenamtlichen Bergrettern

Ich habe selbst beide Seiten kennengelernt – die des Retters und die des Geretteten – und kann mir daher durchaus ein Urteil darüber erlauben, wieso das Buch von Thomas Käsbohrer so wertvoll ist. Weil es – im Widerspruch zum dann doch etwas reißerischen Titel – vollkommen unaufgeregt daherkommt und den Bergrettern endlich jene Bühne bietet, die sie sonst eher kaum bis gar nicht in Anspruch nehmen. Denn jeder der ehrenamtlich Tätigen hilft aus Überzeugung und nicht aus der Gier nach Anerkennung. So kommen auf den 279 Seiten verschiedenste Menschen zu Wort, die weder urteilen noch beurteilen, sondern lediglich ihre Erlebnisse und Erfahrungen schildern – mal schonungslos direkt und mal zurückhaltend und nachdenklich.

Glücklicherweise versucht der Auto dabei nicht, aus den Erzählungen der Retter eine Aneinanderreihung dramatischer Geschichten zu stricken. Vielmehr überlässt er den Protagonisten selbst das Wort oder gibt zumindest deren Berichte aus den Augen eines aufmerksamen Zuhörers wieder. So gelingt es Thomas Käsbohrer, den Leser bei jeder Kurzgeschichte aufs Neue zu fesseln und in die Gefühlswelt seiner Interviewpartner eintauchen zu lassen. Ohne dabei auch nur einmal der Versuchung nachzugeben, den Unfallhergang oder das jeweilige Opfer zu bewerten. Zwischen den einzelnen Berichten wurden gezielt ein paar Experten-Interviews platziert, um auch die fachliche bzw. wissenschaftliche Seite zu beleuchten bzw. Erklärungen für die ein oder andere Notlage zu finden. Ich persönlich hätte diese Einschübe weggelassen, da die Berichte für sich selbst stehen und in meinen Augen gar keine Bewertung oder Beurteilung seitens der Experten braucht.

Mein Gesamtfazit: Im Hinblick auf den vergangenen Lawinenwinter und die damit verbundene leidige Diskussion über “unverbesserliche Spinner am Berg” macht dieses Buch so ungemein wertvoll. Denn es gelingt dem Autor genau das zu vermitteln, was die Bergretter bei jedem Vorfall immer wieder gebetsmühlenartig vortragen: “Wir sind keine Richter. Wir sind Retter in der Not.”

Die Details:
Verlag:
millemari. Verlag, 1. Auflage 2019
Autor: Thomas Käsbohrer
Inhalt: 279 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
ISBN-13: 9783946014805
Preis: 14,95 bis 39,95 Euro

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